Überblick
Mela Ghafoor Debbaghî – weithin bekannt als Hafiz Mahabadî – war ein bedeutender kurdischer Dichter, Volkskundler und Übersetzer aus Ostkurdistan (Rojhelat). Trotz seiner Erblindung gilt er als Symbol intellektueller Stärke.
Ein Leben in Dunkelheit und Licht
Ghafoor Debbaghî wurde 1927 in Saqqez geboren; sein Vater war Gerber (kurdisch Debbaẍ), woher der Familienname stammt. Mit nur drei Jahren erkrankte er an Pocken (Hawłê) und verlor vollständig sein Augenlicht – doch wie der persische Dichter Hafis oder der kurdische Ehmed Kor entwickelte er ein phänomenales Gedächtnis. Er widmete seine Jugend dem Auswendiglernen des Korans; bis 1949 hatte er den gesamten Text memoriert, was ihm den Titel „Hafiz“ einbrachte und das Fundament für seine tiefen Sprachkenntnisse in Kurdisch, Arabisch und Persisch legte.
Migration und politischer Kontext
Wegen der Instabilität im Zweiten Weltkrieg und lokaler Aufstände (etwa dem von Mihemed Reşîd Xan in Bane) zog seine Familie nach Mahabad – damals das pulsierende Herz kurdischer Politik und Kultur, besonders während der Republik Mahabad (1946). Dieses Umfeld prägte sein nationales Bewusstsein.
Literarischer Durchbruch und soziales Gewissen
Obwohl religiös ausgebildet, wandte er sich in seiner Dichtung den Sorgen der einfachen Menschen zu. Nach den politischen Umwälzungen im Irak 1958 schrieb er verstärkt über soziale Ungerechtigkeit, Armut und die Sehnsucht nach Freiheit – ein „Dichter der Armen“. Zugleich war er einer der ersten, der kurdische Sprichwörter, Rätsel und Volkserzählungen systematisch sammelte.
Der Konflikt mit dem SAVAK
Ein tragisches Kapitel war die Unterdrückung durch den iranischen Geheimdienst SAVAK. 1971 erlernte er die Brailleschrift und schrieb eine umfangreiche Sammlung kurdischer Folklore nieder – der SAVAK beschlagnahmte dieses wertvolle Manuskript und gab es nie zurück, ein schwerer Schlag für das kurdische Kulturerbe. Erst Jahre später versuchte er, die Werke aus dem Gedächtnis erneut niederzuschreiben.
Seine wichtigsten Werke
Diyarî Mahabad (Das Geschenk Mahabads) – eine Sammlung seiner Lyrik voller Naturverbundenheit und sozialem Schmerz. Pendî Pêşînyan (Sprichwörter der Vorfahren) – sein wohl wichtigster Beitrag zur kurdischen Philologie: Tausende Sprichwörter, oft in Versform geordnet, um sie lebendig zu halten. Seine Übersetzung der Çwarêne (Vierzeiler) des persischen Freiheitsdichters Farrokhi Yazdi ins Kurdische zeigt seine Nähe zum revolutionären Denken. Und Asoy Rûn (Heller Horizont) spiegelt seinen Optimismus und Glauben an die Zukunft Kurdistans.
Sein Stil
Seine Sprache war reines Mukriyan-Kurdisch. Er vermied übermäßig komplexe Konstruktionen und schrieb so, dass seine Verse auch von ungebildeten Schichten verstanden und gesungen werden konnten. Oft nutzte er Humor und Ironie, um die Mächtigen zu kritisieren.
Vermächtnis und Tod
Hafiz Mahabadî starb am 12. August 1990 in Mahabad und wurde auf dem berühmten Budaq-Sultan-Friedhof im Bereich der „Namhaften und Dichter“ beigesetzt, unweit der Gräber von Hejar und Hemin. Er bewies, dass Bildung und Kunst nicht von den Augen abhängen, sondern vom Herzen und Verstand; er bewahrte die kurdische Folklore in einer Zeit harter Assimilationspolitik und gab den stimmlosen Armen eine poetische Stimme. Für die Menschen in Mahabad bleibt er der „Hafiz“, der die kurdische Seele in Worte fassen konnte.
Ghasel an die Geliebte (Perî)
Klassische kurdische Metaphorik – die Schönheit der Geliebten und das Schicksal des blinden Liebenden.
Einordnung und Zeitgenossen
Zeitlich gehört Mela Ghafoor Debbaghî (1927 – 1990) in die Nachkriegszeit und Gegenwart (ab 1945), Region Rojhelat. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: ʿEbas Heqîqî, Şpirze (Şêx Nafîʿ Mezher), Hejar Mukriyanî (Ebdulrehman Şerefkendî), Mela Kerîm Sardekosanî. Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.