Dr. Abid Sirajedînî Naqshbandî
دکتۆر عابید سیراجەدینی نەقشبەندی
Überblick
Dr. Abid Sirajedînî ist eine der herausragendsten intellektuellen Figuren des 20. Jahrhunderts, die das geistige Erbe der Naqshbandî-Şêxs mit moderner Wissenschaft und Literatur verband – Gelehrter, Jurist und der Dichter des „Reinen Herzens“.
Herkunft und frühe Bildung
Abid Sirajedînî wurde 1923 im Dorf Tewêle (Region Hewraman) geboren, aus der hochangesehenen Familie der Naqshbandî-Şêxs; sein Vater war Şêx Sirajedîn. Seine Ausbildung begann klassisch in den berühmten Hujras von Biara und Durû, wo er unter Gelehrten wie Mela Ebdulkerîm Muderris studierte. Kurdisch (Hewramî und Soranî), Persisch und Arabisch beherrschte er auf exzellentem Niveau.
Akademischer Weg und Exil
Sein Wissensdrang führte ihn über Mahabad nach Bagdad, wo er an der Universität Rechtswissenschaften studierte und abschloss; später promovierte er (Dr. jur.). Wegen der politischen Umstände und der Verfolgung seiner Familie lebte er an verschiedenen Orten im Exil. In Teheran arbeitete er maßgeblich in der kurdischen Sektion von Radio Teheran – einer der wichtigsten Autoren und Redakteure, die das kurdische Programm in einer Zeit des kulturellen Drucks aufrechterhielten.
Literarisches Werk
Dr. Abid war Meister der klassischen wie der modernen kurdischen Poesie; seine Verse sind geprägt von tiefer spiritueller Reinheit und nationalem Bewusstsein. Sein berühmtestes Gedicht Eşqî Xawên (Reine Liebe) – oft auch als „Eşqî Welat“ bekannt – wurde durch die Vertonung des legendären Sängers Mazhar Khaleqi zum unsterblichen Klassiker der kurdischen Musik. Er verfasste fünf Diwane, darunter Sûreye und Weneşe.
Tod im Exil
Seine letzten Lebensjahre verbrachte Dr. Abid in Riad (Saudi-Arabien), wo er am 8. März 1995 verstarb und beigesetzt wurde – fern von den Bergen seines geliebten Hewraman, aber als unvergessener Teil der kurdischen Geistesgeschichte.
Eşqî Xawên (Reine Liebe)
Sein berühmtestes Gedicht – durch Mazhar Khaleqis Vertonung ein unsterblicher Klassiker der kurdischen Musik.
Analyse: „Eşqî Xawên“
Neudefinition klassischer Symbole: Dr. Abid nutzt die jahrhundertealte Bildsprache des Sufismus für eine moderne patriotische Botschaft. Der Falter (perwane), der in der klassischen Poesie aus Liebe zu Gott in der Kerzenflamme verbrennt, findet hier seine „Flamme“ im Vaterland – die Selbstaufopferung für die Nation wird zum heiligen Akt. Die Nachtigall (bulbul) kann nur im „Garten“ (Kurdistan) singen; ohne diesen Garten ist ihr Gesang wertlos.
Sakralisierung der Heimat: Die Heimat wird nicht politisch, sondern spirituell beschrieben: „Rizwan“ (der Wächter des Paradieses) und „Srosh“ (die engelsgleiche Stimme der Offenbarung) heben Kurdistan auf eine metaphysische Ebene; der Boden ist kein Staub, sondern „Eksîr“ – das Elixier, das Unedles in Gold verwandelt.
Identität und Geschichte: Der Bezug auf das Kawa-Geschlecht ruft den mythischen Schmied auf, der den Tyrannen Dehak besiegte – das Symbol kurdischer Freiheit. Die explizite Nennung von „Bürger Irans“ und „Arier“ spiegelt die Sichtweise kurdischer Gelehrter der Jahrhundertmitte, die das Kurdentum als ursprünglichsten Teil der iranischen Zivilisation betrachteten – kultureller Stolz, der keine Grenze zwischen ethnischer Identität und staatlicher Zugehörigkeit zieht.
Form und Musikalität: Der Text ist für den Gesang geschrieben: Die dreifachen Wiederholungen am Strophenende (wilate, Rizwane, Êranim, Kurdanim) erzeugen einen ekstatischen Rhythmus, den Mazhar Khaleqis Vertonung perfekt einfängt – eine der meistgeliebten kurdischen Hymnen.
Fazit: „Eşqî Xawên“ ist ein Manifest der romantischen Nationaldichtung: persönliche Emotion, religiöse Hingabe und historische Identität in einem kunstvollen Ganzen. Die Liebe zur Heimat ist für Dr. Abid die „reinste“ aller Lieben.
Einordnung und Zeitgenossen
Zeitlich gehört Dr. Abid Sirajedînî Naqshbandî (1923 – 1995) in die Nachkriegszeit und Gegenwart (ab 1945), Region Başûr. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: Şarî (Alî Arif Axa), Ahmed Hardi (Ahmed Hasan Beg), Mela ʿEbdulkerîmê Muderris (Namî), Ibrahîm Ehmed („Blê“). Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.