Temen – Ey Temenî Pir Esrînim (Die Klage an die vergehende Zeit) – Kerîm Kaban
Das wohl bekannteste Werk von Kerîm Kaban und einer der am tiefsten verehrten Klassiker der kurdischen Musik im Soranî-Dialekt: eine existenzielle Elegie über das Altern, die Einsamkeit und das Bedauern – eine Hymne für alle, die auf ein gelebtes Leben zurückblicken und die Unwiederbringlichkeit der Jugend beweinen. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.
Kurzes Vokabular
| Kurdisch | Umschrift | Bedeutung |
|---|---|---|
| تەمەن | temen | Lebenszeit, Alter |
| ئەسرین | esrîn | Tränen |
| ئاوڕ دانەوە | awir danewe | sich umblicken |
| پەپولە | pepule | Schmetterling |
| سەودای تەنیایی | sewday tenyayî | der Wahn der Einsamkeit |
| زەردەخەنە | zerdexene | Lächeln |
| دار ئەرخەوان | dar erxewan | Judasbaum |
| هەڵوەرین | helwerîn | abfallen, verwelken |
| تەم و خومار | tem û xumar | Nebel und Benommenheit |
| پەنجەرە | pencere | Fenster |
Literarische Analyse
Die direkte Anrede an das eigene Leben: Die Zeit als unerbittlicher Wanderer, der „sich nicht umblickt“ – ein Bild der Machtlosigkeit, denn der Mensch kann die Zeit weder anhalten noch mit ihr verhandeln. Das „Tilgen“ mit jedem Schritt beschreibt das Leben als Prozess des ständig schwindenden Bestandes.
Der Wunsch, ein Schmetterling zu sein: Flucht vor der Komplexität des menschlichen Leidens. Der Schmetterling lebt kurz, aber in vollkommener Harmonie mit der Schönheit. Die menschliche Gabe des langen Lebens erscheint als Bürde – sie bietet mehr Raum für Schmerz als für Freude.
Psychologisch tief: Als Kind lachte der Dichter über den Schmerz – die kindliche Unschuld, die Leid noch nicht als dauerhaft begreift. Im Alter wird der Kummer zum unendlichen Ozean, dessen Wellen gegen das Ufer – den alternden Körper und Geist – schlagen: die Unausweichlichkeit des seelischen Leids.
Die tiefroten Blüten des Erxewan stehen in der kurdischen Poesie für Schönheit – und für vergossenes Herzblut. Dass das Lächeln so flüchtig ist wie der Schatten dieses Baumes bei Sonnenuntergang, unterstreicht die Melancholie: Freude ist nur noch eine kurze, schwindende Erscheinung am Ende des Tages.
Der Herbst als Bild des körperlichen Verfalls: Die „Blätter der Jugend“ sind abgefallen. Das von Nebel bedeckte Fenster symbolisiert die eingeschränkte Sicht auf die Welt und die Isolation – der Dichter sieht die Welt nur noch verschwommen durch den Schleier seiner Tränen und seiner Benommenheit (xumar).
Die Bedeutung dieses Liedes ist untrennbar mit Kabans Stimme verbunden: ruhig, fast flüsternd und dennoch kraftvoll – keine laute Anklage, sondern eine würdevolle, philosophische Annahme des Schicksals. Während die Zeit unaufhaltsam voranschreitet, bleibt nur die Liebe (xoşewîstîm her bêdare) als letztes Zeichen des Widerstands gegen das Vergessen – ein Lied über die Würde des Kummers.
