Sucdey Pîrî – Gerçî Pîrim (Trotz meines Alters) – Azad Qeredaxî

Eines der tiefgründigsten Gedichte der kurdischen Lyrik im Soranî-Dialekt: das paradoxe Verhältnis zwischen physischem Altern und der ewigen Jugend des Herzens. Azad Qeredaxîs würdevolle, leidenschaftliche Stimme macht daraus eine Meditation über Sehnsucht, Vergänglichkeit und die Unbesiegbarkeit der Liebe. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Sucdey PîrîAzad Qeredaxî
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DeutschSoranî
Strophe 1 · Der Alte im Winkel
Obwohl ich alt bin und einsam in einem Winkel liege,
گەرچی پیرم وا کەوتووم لە گۆشەوەم
Gerçî pîrim wa kewtûm le goşewem
folge ich mit meinem Herzen noch immer einem anmutigen Mädchen.
بە دڵ بە دوای کچێکی تەڕپۆشەوەم
Be dil be dway kiçêkî terpoşewem
Auf dem Weg der Liebe ist mein Leben verweht wie der Wind,
لە ڕێی عەشق و ئەوین ژینم بە با چوو
Le rêy ’eşq û ewîn jînim be ba çû
doch seltsam: Noch immer bin ich voller Leidenschaft und Verlangen.
سەیرە ئێستاش هەر وا بە پەرۆشەوەم
Seyre êstaş her wa be peroşewem
Strophe 2 · Das Herz wird nicht alt
Das Herz wird nicht alt, wie weit die Jahre auch voranschreiten mögen,
پیر نابێ دڵ چەند هەڵکێشاوە تەمەن
Pîr nabê dil çend helkêşawe temen
noch immer sehne ich mich nach jenem Schoß und jener Nähe.
هەر لە هەڵپە و ئارەزووی ئەو کۆشەوەم
Her le helpe û arezûy ew koşewem
Mein Atem ließ einst die Trauerweiden deines Haares erzittern,
هەناسەم دەیشەکاند شۆڕەبی قژت
Henasem deyşekand şorebî qijit
noch immer begehre ich es, unter jenes Kopftuch [Serpoş] zu blicken.
هەر بە مەیل دیتنی ئەو سەرپۆشەوەم
Her be meyl dîtnî ew serpoşewem
Strophe 3 · Die Ernte der Asche
Die Ernte meines Lebens ist verbrannt und zu Asche geworden,
خەرمانی ژین بوو بە خۆڵەمێش سووتا
Xermanî jîn bû be xolemêş sûta
doch allein durch dein Gedenken verweile ich in jenem süßen Traum.
هەر بە یادت وا لەو خەوە خۆشەوەم
Her be yadit wa lew xewe xoşewem
Ach, das Alter! Welch ein vernichtender Schicksalsschlag bist du!
ئاخ پیری چ کۆستێکی چەند کوشندەی
Ax pîrî çi kostêkî çend kuşnidey
Und doch, selbst in diesem hohen Alter, bleibe ich voller Hoffnung auf dich.
بەو پیرییەش هەر بە هیوای تۆشەوەم
Bew pîrîyeş her be hîway toşewem
Strophe 4 · Die Niederwerfung
Möge mein Wuchs nun gebeugt sein wie deine bogenförmigen Brauen,
با باڵام وەک برۆی کەوانی تۆ بێ
Ba balam wek biroy kewanî to bê
wie ein Jüngling jage ich noch immer deinen Augen und Brauen nach.
وەک لاو لە ڕاوی چاو و ئەبرۆشەوەم
Wek law le rawî çaw û ebroşewem
Das Alter und das Beugen des Körpers sind ein Zeichen der Niederwerfung [Sucde],
هێمای سوجدەیە پیری و خۆچەماندن
Hêmay sucdeye pîrî û xoçemandin
doch wisse: Schon in meiner Jugend lag ich vor dir auf den Knien [Kirnoş].
خۆ بە لاویش بۆت هەر لە کڕنۆشەوەم
Xo be lawîş bot her le kirnoşewem

Anmerkung: Die Dichtung wird oft Ekhôl (Ahmed Derwêş Ebdullah) zugeschrieben; die Zuschreibung ist nicht abschließend gesichert.

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
پیریpîrîdas Alter
گۆشەgoşeWinkel, Ecke
پەرۆشperoşLeidenschaft, brennendes Verlangen
خەرمانxermanErnte, Erntehaufen
خۆڵەمێشxolemêşAsche
شۆڕەبیşorebîTrauerweide
سەرپۆشserpoşKopftuch
کۆستkostSchicksalsschlag, schwerer Verlust
سوجدەsucdeNiederwerfung (im Gebet)
کڕنۆشkirnoşKniefall, Verbeugung
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Die Dualität von Körper und Seele (Pîrî und Dil)

Das zentrale Thema ist der Gegensatz zwischen dem alternden Körper und dem unsterblichen Verlangen des Herzens: Die Zeit kann den Körper in einen „Winkel“ (goşe) drängen, lässt die Leidenschaft (peroş) aber unberührt. Die Liebe steht außerhalb der Zeitrechnung.

2
Die Ernte der Asche (Xermanî jîn)

Ein starkes agrarisches Bild: Das Leben als Feld, das abgeerntet und dann verbrannt wurde – übrig bleibt Asche (xolemêş): der Verlust von Jugend, Chancen und Erfolgen. Doch inmitten der Trümmer lebt der „süße Traum“ der Erinnerung weiter – die Liebe ist das Einzige, was das Feuer der Zeit überlebt.

3
Die Naturmetaphorik der Trauerweide (Şorebî)

Das Haar der Geliebten als Trauerweide – ein klassisches Motiv: Die Weide steht für Anmut, aber auch für Melancholie. Dass sein Atem, seine Seufzer, dieses Haar zum Beben brachten, zeigt die tiefe Verbundenheit zwischen seinem Leiden und ihrer Schönheit.

4
Die Sakralisierung des Alterns (Sucde und Kirnoş)

Die geniale Umdeutung der Schlussstrophe: Das Beugen des Rückens im Alter – normalerweise Zeichen der Gebrechlichkeit – wird zum Akt der Anbetung. „Ich beuge mich nicht vor dem Alter, sondern vor deiner Schönheit – wie schon als junger Mann.“ Physische Schwäche wird zur spirituellen Tugend; das ganze Leben wird zu einem einzigen langen Gebet an die Geliebte.

5
Die Jagd-Metaphorik (Raw)

Trotz der Gebrechlichkeit sieht sich der Dichter als Jäger, der den Blicken und bogenförmigen Brauen nachjagt. Der Jagdtrieb steht für den Lebenswillen: Solange der Mensch begehrt, ist er nicht wirklich alt.

6
Fazit

Eine Hymne an die Unbeugsamkeit des menschlichen Geistes: die Würde eines Mannes, der vom Leben gezeichnet ist, dessen Herz aber im Rhythmus der Liebe schlägt. Schönheit und Begehren sind die einzigen Mächte, die dem Alter trotzen – eines der am tiefsten empfundenen Zeugnisse kurdischer Romantik, das den Schmerz des Vergehens mit dem Stolz der ewigen Treue verbindet.