Peyman – Ême Gyanêkîn le Dû Cesteda (Eine Seele in zwei Körpern) – Ibrahim Xeyat

Eine der am tiefsten empfundenen romantischen Hymnen der kurdischen Musik im Soranî-Dialekt: Ibrahim Xeyat (1931–2005) wählte stets Texte von hoher literarischer Qualität mit philosophischen und spirituellen Dimensionen. Das Lied feiert die absolute Einheit zweier Menschen und die Unzerstörbarkeit ihrer Bindung – im gesamten kurdischen Sprachraum ein Inbegriff ewiger Treue, oft bei Hochzeiten gesungen. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

PeymanIbrahim Xeyat
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DeutschSoranî
🔁 Refrain
Wir sind eine Seele in zwei Körpern,
ئێمە گیانێکین لە دوو جەستەدا
Ême gyanêkîn le dû cesteda
wie ein Gedicht und eine Melodie in einem Werk vereint.
وەک شێعر و ئاواز لە یەک بەستەدا
Wek şê’rû awaz le yek besteda
Die Welt kann uns niemals voneinander trennen,
دنیا ناتوانێ لێکمان کاتەوە
Dinya natwanê lêkman katewe
es sei denn, Gott selbst nimmt uns zu sich heim.
مەگەر خوا بۆخۆی بمانباتەوە
Meger xwa boxoy bimanbatewe
Strophe 1 · Dieselbe Erde, dasselbe Wasser
Wir sind Kinder derselben Erde und desselben Wassers,
ئێمە پەروەردەی یەک خۆڵ و ئاوین
Ême perwerdey yek xolû awîn
für ein einziges Ziel und für ein gemeinsames Bestreben.
بۆ یەک مەبەست و بۆ یەک پێناوین
Bo yek mebestû bo yek pênawîn
Wir sind vollkommen ineinander verschmolzen,
لە ناو یەکترا تواوینەوە
Le naw yektira twawînewe
wir sind Wanderer auf einem Weg und kennen keine Trennung.
ڕێبواری یەک ڕێین جیا نابینەوە
Rêbwarî yek rêyn cya nabînewe
Strophe 2 · Der Schwur über den Tod hinaus
Wir haben uns geschworen: Solange wir am Leben sind,
پەیمانمان داوە تا لە ژینا بین
Peymanman dawe ta le jîna bîn
werden wir nicht eine einzige Stunde ohne einander sein.
بۆ تەنها ساتێ بێ یەکتر نابین
Bo tenha satê bê yektir nabîn
Und sollten wir in jener anderen Welt wieder auferstehen,
ئەگەر لەو دنیاش زیندوو بینەوە
Eger lew dinyaş zîndû bînewe
so werden wir uns genau wie jetzt wieder vereinen.
هەر وەکوو ئێستا یەک ئەگرینەوە
Her wekû êsta yek egrînewe
Strophe 3 · Die heilige Liebe
Einer ist für den anderen die Nahrung der Seele,
یەک بۆ یەکتری خۆراکی گیانین
Yek bo yektirî xorakî gyanîn
in Zeiten der Not opfern wir uns füreinander auf.
لە تەنگانەدا بۆ یەک قوربانین
Le tenganeda bo yek qurbanîn
Diese unsere heilige Liebe ist von solcher Art,
عەشقی پیرۆزی ئێمە وەهایە
’eşqî pîrozî ême wehaye
dass selbst der Schöpfer an uns sein Wohlgefallen findet.
هەتا خواوەندیش لێمان ڕەزایە
Heta xwawendîş lêman rezaye

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
گیانgyanSeele
جەستەcesteKörper
بەستەbesteKomposition, Werk
پەیمانpeymanSchwur, Versprechen
خۆڵ و ئاوxol û awErde und Wasser
ڕێبوارrêbwarWanderer
تەنگانەtenganeNot, Bedrängnis
ڕەزاrezaWohlgefallen, Zustimmung
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Die künstlerische Symbiose (Gedicht und Melodie)

Wek şê’r û awaz le yek besteda – eine der schönsten Metaphern der kurdischen Liebeslyrik: Ein Lied existiert nur durch das Zusammenspiel von Wort und Ton; ohne das eine ist das andere unvollständig. Die Liebe als ästhetisches Gesamtkunstwerk – eine harmonische Notwendigkeit jenseits des rein Physischen.

2
Der Topos der „einen Seele“ (Gyanêk le dû ceste)

Das Bild der einen Seele in zwei Körpern greift ein universelles Motiv der Weltliteratur auf – bei Platon, in der Sufi-Mystik, in der europäischen Romantik: die Unio Mystica auf menschlicher Ebene. Die Individualität wird nicht aufgegeben, findet aber ihre Vollendung erst in der Verschmelzung mit dem anderen.

3
Elementare und schicksalhafte Verbundenheit

Yek xol û aw – dieselbe Erde, dasselbe Wasser: eine schicksalhafte, fast biologische Zusammengehörigkeit. Die Liebenden als rêbwar auf demselben Weg – das Leben als gemeinsame Pilgerreise ohne Abzweigungen.

4
Die Liebe über den Tod hinaus

Die Ewigkeit des Versprechens (peyman): Die Liebe wird nicht nur für das Diesseits beschworen, sondern auch für das Jenseits – die Seelen finden nach der Auferstehung wieder zueinander. Die Beziehung wird in eine metaphysische Sphäre erhoben: Die Liebe besiegt Zeit und Tod.

5
Die Sakralisierung der Hingabe (’Eşqî pîroz)

Die Liebe ist pîroz – heilig; die Liebenden dienen einander als „Nahrung der Seele“. Dass Gott an dieser Liebe „Wohlgefallen“ (reza) findet, heiligt die menschliche Leidenschaft: Wahre, aufrichtige Liebe gilt in der kurdischen Tradition als gottgefälliger Zustand, der den Menschen moralisch veredelt.

6
Fazit

Ein Manifest des romantischen Idealismus: Die Liebe löst das Ich auf und lässt es in einer höheren Einheit – dem „Wir“ – wiedergeboren werden. Kunst-Metaphorik, Natur-Elemente und die Hoffnung aufs Jenseits verschmelzen zum Bild vollkommener Harmonie. Xeyats ruhiges, würdevolles Bekenntnis macht daraus ein Gebet der Liebenden – oft bei Hochzeiten gesungen.