Peyman – Ême Gyanêkîn le Dû Cesteda (Eine Seele in zwei Körpern) – Ibrahim Xeyat
Eine der am tiefsten empfundenen romantischen Hymnen der kurdischen Musik im Soranî-Dialekt: Ibrahim Xeyat (1931–2005) wählte stets Texte von hoher literarischer Qualität mit philosophischen und spirituellen Dimensionen. Das Lied feiert die absolute Einheit zweier Menschen und die Unzerstörbarkeit ihrer Bindung – im gesamten kurdischen Sprachraum ein Inbegriff ewiger Treue, oft bei Hochzeiten gesungen. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.
Kurzes Vokabular
| Kurdisch | Umschrift | Bedeutung |
|---|---|---|
| گیان | gyan | Seele |
| جەستە | ceste | Körper |
| بەستە | beste | Komposition, Werk |
| پەیمان | peyman | Schwur, Versprechen |
| خۆڵ و ئاو | xol û aw | Erde und Wasser |
| ڕێبوار | rêbwar | Wanderer |
| تەنگانە | tengane | Not, Bedrängnis |
| ڕەزا | reza | Wohlgefallen, Zustimmung |
Literarische Analyse
Wek şê’r û awaz le yek besteda – eine der schönsten Metaphern der kurdischen Liebeslyrik: Ein Lied existiert nur durch das Zusammenspiel von Wort und Ton; ohne das eine ist das andere unvollständig. Die Liebe als ästhetisches Gesamtkunstwerk – eine harmonische Notwendigkeit jenseits des rein Physischen.
Das Bild der einen Seele in zwei Körpern greift ein universelles Motiv der Weltliteratur auf – bei Platon, in der Sufi-Mystik, in der europäischen Romantik: die Unio Mystica auf menschlicher Ebene. Die Individualität wird nicht aufgegeben, findet aber ihre Vollendung erst in der Verschmelzung mit dem anderen.
Yek xol û aw – dieselbe Erde, dasselbe Wasser: eine schicksalhafte, fast biologische Zusammengehörigkeit. Die Liebenden als rêbwar auf demselben Weg – das Leben als gemeinsame Pilgerreise ohne Abzweigungen.
Die Ewigkeit des Versprechens (peyman): Die Liebe wird nicht nur für das Diesseits beschworen, sondern auch für das Jenseits – die Seelen finden nach der Auferstehung wieder zueinander. Die Beziehung wird in eine metaphysische Sphäre erhoben: Die Liebe besiegt Zeit und Tod.
Die Liebe ist pîroz – heilig; die Liebenden dienen einander als „Nahrung der Seele“. Dass Gott an dieser Liebe „Wohlgefallen“ (reza) findet, heiligt die menschliche Leidenschaft: Wahre, aufrichtige Liebe gilt in der kurdischen Tradition als gottgefälliger Zustand, der den Menschen moralisch veredelt.
Ein Manifest des romantischen Idealismus: Die Liebe löst das Ich auf und lässt es in einer höheren Einheit – dem „Wir“ – wiedergeboren werden. Kunst-Metaphorik, Natur-Elemente und die Hoffnung aufs Jenseits verschmelzen zum Bild vollkommener Harmonie. Xeyats ruhiges, würdevolles Bekenntnis macht daraus ein Gebet der Liebenden – oft bei Hochzeiten gesungen.
