Payîz e (Es ist Herbst) – Yasîn Yıldız

Ein schwermütiges Werk im Kurmancî-Dialekt, das die Grenze zwischen persönlichem Liebeskummer und kollektivem nationalem Leid verwischt: Nebel, Herbst und Winter beschreiben einen Zustand der Hoffnungslosigkeit – geprägt von der rauen Ästhetik der kurdischen Gebirgslandschaft, mit archaischen Bildern für moderne Schmerzen. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Payîz eYasîn Yıldız
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DeutschKurmancî
Strophe 1 · Herbst und Winter
Es ist Herbst, jene Zeit ist vergangen,
پاییزە ئەو دەما چوو
Payîz e ew dema çû
angesichts des Winters wurde mein Leid schwer.
بەر زڤستان دەرد گران بووم
Ber zivistan derd giran bûm
Wie viele Frühlinge sind schon verstrichen,
چەندین بوهار وێ دەرباس بوو
Çendîn buhar wê derbas bû
wie viele Sommer sind schon vergangen,
چەندین هاڤین وێ دەرباس بوو
Çendîn havîn wê derbas bû
doch für das Feuer meines Herzens gab es keine Heilung.
ئاگرێ دلێم دەرمان نەبوون
Agirê dilêm derman nebûn
🔁 Refrain
Kelaşîn, du Meer des Lebens,
کەلاشینێ دەریا ژینێ
Kelaşînê derya jînê
ach, diese Liebe hat mich umgebracht.
ئەز کوشتم ئاخ ڤێ ئەڤینێ
Ez kuştim ax vê evînê
Strophe 2 · Das Lamm und die Wölfe
Es ist Herbst, Nebel und Dunst ziehen auf,
پاییزە مژ و دوومان
Payîz e mij û dûman
das Lamm ist auf die Tafel der Wölfe gefallen.
بەرخ کەتیە سۆفرا گوران
Berx ketiye sofra guran
Wie viele Epochen, wie viele Jahre schon
چەندین دەمان چەندین سالان
Çendîn deman çendîn salan
sind wir an diesen Orten und Stätten geblieben,
هەر مانە ل چهـ و واران
Her mane li çih û waran
wir sind unter [den Trümmern] unserer Stätten geblieben.
ئەم مانە بن جهـ و واران
Em mane bin cih û waran

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
پاییزpayîzHerbst
زڤستانzivistanWinter (Kurmancî)
دەرباس بوونderbas bûnvergehen, vorüberziehen
مژ و دوومانmij û dûmanNebel und Dunst
بەرخberxLamm
گورgurWolf
سۆفرەsofre(gedeckte) Tafel
کەلاشینKelaşînGebirgspass im Zagros mit historischer Stele
جهـ و وارcih û warOrt und Heimstatt
ئەڤینevînLiebe (Kurmancî)
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Die Saisonalität des Leidens (Payîz und Zivistan)

Der Herbst steht in der kurdischen Lyrik traditionell für Trennung, Welken und den Verlust der Lebenskraft. Yıldız verstärkt das Bild durch den Übergang zum Winter (zivistan) – der Zeit totaler Kälte und Erstarrung. Dass Frühlinge und Sommer spurlos vorübergingen, ohne das „Feuer des Herzens“ zu heilen, zeigt einen chronischen Schmerz, der zyklisch wiederkehrt, aber nie endet.

2
Die politische Metapher: Lamm und Wölfe (Berx û Gur)

Berx ketiye sofra guran („Das Lamm ist auf die Tafel der Wölfe gefallen“) ist ein klassisches Motiv der kurdischen Widerstandsliteratur: Das Lamm symbolisiert Unschuld, Wehrlosigkeit und das kurdische Volk selbst; die Wölfe die Unterdrücker. Hier kippt die private Liebesklage in eine scharfe Beobachtung politischer Ohnmacht – das „Gefallen-Sein“ auf den Tisch des Feindes als Zustand totaler Auslieferung.

3
Die Bedeutung von „Kelaşîn“

Kelaşîn ist ein berühmter Gebirgspass in den Zagros-Bergen (Grenzregion zwischen Süd- und Ostkurdistan), bekannt für seine historische Stele und strategische Bedeutung. Als „Meer des Lebens“ (derya jînê) angesprochen, verankert er den Schmerz in einer konkreten, geschichtsträchtigen Landschaft: ein Ort der Unbeugsamkeit, aber auch der Kälte und der Opfer – ein Ort des Schicksals.

4
Verlust von Raum und Zeit (Cih û War)

Cih und war bezeichnen Heimat, Wohnstatt und Herkunft. „Unter“ diesen Orten geblieben zu sein suggeriert Zerstörung, Begräbnis oder das Leben in Ruinen: die Klage eines Volkes, das physisch an seinem Ort geblieben ist, dessen Lebensgrundlagen aber zerstört wurden.

5
Die „mörderische“ Liebe (Vê evînê ez kuştim)

Evîn kann im kurdischen Kontext beides bedeuten: die Liebe zu einer Person oder die leidenschaftliche Liebe zum Land (welat). In diesem Lied verschmelzen beide Ebenen. Der „Tod“ durch die Liebe ist die ultimative Konsequenz der absoluten Hingabe an ein Ideal, das in der Realität – dem Herbst, den Wölfen – nicht existieren kann.

6
Fazit

Ein tief melancholisches Werk, das Naturbeobachtung mit politischer und emotionaler Klage verbindet: Yıldız macht die Atmosphäre von „Nebel und Dunst“ akustisch greifbar. Ein Dokument der Resignation, aber auch des Stolzes auf die eigene Herkunft und das bittere Schicksal, das mit Orten wie Kelaşîn verbunden ist – das „Lamm“, das trotz der Wölfe seinen Gesang und sein Feuer nicht aufgibt.