Nazanim Min Boçî Wam – Barîk Bûm Wêney Dezû (Wie ein Faden) – Azad Qeredaxî

Eine tiefgründige Reflexion über Enttäuschung, Verrat und die Last des eigenen Schicksals im Soranî-Dialekt: Die klassische Metaphorik des Leidens zeigt die physische und psychische Erschöpfung eines Menschen, dessen Güte stets mit Bosheit beantwortet wird. Azad Qeredaxîs klagender und doch stolzer Gesang gibt den Versen existenzielle Schwere. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Nazanim Min Boçî WamAzad Qeredaxî
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DeutschSoranî
Strophe 1 · Der Faden und die Waage
Ich bin so dünn geworden wie ein Faden,
باریک بووم وێنەی دەزوو
Barîk bûm wêney dezû
schon bei einem Hauch fliege ich in die Luft.
دەچمە هەوا بە یەک فوو
Deçme hewa be yek fû
Ich weiche nicht von meiner Waagschale [meinem Maß] ab,
لە یەک میزان ناچمە دەر
Le yek mîzan naçme der
denn ich bin selbst zum Gewicht der Waage geworden.
بوومە بەردی تەرازوو
Bûme berdî terazû
Ich bin die Nachtigall im Käfig,
بولبولی ناو قەفەسم
Bulbulî naw qefesim
der Reiter eines unbezähmbaren [fremden] Pferdes.
سواری ئەسبی ناحەزم
Swarî esbî nahezim
Ich wage es nicht, abzusteigen,
ناشوێرم لێی دابەزم
Naşwêrim lêy dabezim
doch ich bleibe hart und lasse mich nicht besiegen.
هەر من سەختم نابەزم
Her min sextim nabezim
Strophe 2 · Vom Freund zur Schlange
So vergehen meine Monate und Jahre,
وا دەڕوا مانگ و ساڵم
Wa derwa mang û salim
seltsam ist mein Schicksal und mein Los.
سەیرە بەخت و ئیقباڵم
Seyre bext û îqbalim
Jeden, den ich mir zum Freunde wähle,
هەر کەسێ دەکەم بە دۆس
Her kesê dekem be dos
der wird mir zum Tyrannen [Zalim].
ئەو لێم دەبێ بە زاڵم
Ew lêm debê be zalim
Jeden, den ich mir zum Gefährten wähle,
هەر کەس دەکەم بە یارم
Her kes dekem be yarim
als Freund für mein betrübtes Herz,
بە دۆستی دڵ عوزارم
Be dostî dil ’uzarim
als meinen Liebsten und Vertrauten –
خۆشەویست و دڵدارم
Xoşewîst û dildarim
genau der wird mir zur Schlange.
هەر ئەو دەبێ بە مارم
Her ew debê be marim
Strophe 3 · Die Frage nach dem Warum
Selbst wenn ich alle vier Jahreszeiten
ئەگەر چوار فەسڵی ساڵێ
Eger çwar feslî salê
für ihn mein Haus verlassen würde,
بۆی بچمە دەر لە ماڵێ
Boy biçme der le malê
und ihm alles gäbe, was ich besitze,
هەرچی هەمە بیدەمێ
Herçî heme bîdemê
schlingt er sich wie eine Schlange um meine Beine.
وەک مار لە لاقم دەئاڵێ
Wek mar le laqim de’alê
Ich weiß nicht, warum ich so bin!?
نازانم من بۆچی وام!؟
Nazanim min boçî wam!?
Beständig tue ich das Gute,
چاکەی دەکەم بەردەوام
Çakey dekem berdewam
gegenüber all meinen Freunden im Allgemeinen,
لەگەڵ دۆستانم بە عام
Legel dostanim be ’am
doch am Ende ist stets mein Untergang [Xetam] gewiss.
هەر دەشبێتەوە خەتام
Her deşbêtewe xetam

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
دەزووdezûFaden, Zwirn
میزانmîzanWaage; Maß
بەردی تەرازووberdî terazûWägestein der Waage
بولبولbulbulNachtigall
قەفەسqefesKäfig
ئەسبی ناحەزesbî nahezunbezähmbares, fremdes Pferd
زاڵمzalimTyrann, Unterdrücker
مارmarSchlange
چاکەçakeGüte, gute Tat
خەتاxetaFehler; Verderben, Untergang
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Die somatische Metapher der Auszehrung (Barîk bûm)

Der Auftakt zeigt extreme physische Schwäche: dünn wie ein Faden (dezû) – das klassische orientalische Bild für den Liebenden oder vom Leben Gezeichneten, dessen Körper vor Kummer verschwindet. Dass ihn „ein einziger Hauch“ (be yek fû) wegwehen kann, symbolisiert seine existenzielle Zerbrechlichkeit.

2
Die Ethik der Waage (Berdî terazû)

Trotz der Schwäche behauptet der Dichter moralische Stärke: Er ist der „Wägestein der Waage“. Die Waage steht für Gerechtigkeit und Maßhalten (mîzan): Auch wer physisch schwach ist, kann das moralische Gewicht sein, das die Welt im Gleichgewicht hält – er weicht nicht von seinen Prinzipien ab.

3
Gefangenschaft und das unbezähmbare Pferd

Zwei starke Symbole der Lebenssituation: die Nachtigall im Käfig – die unterdrückte Stimme und Freiheit – und das unbezähmbare Pferd (esbî nahez): Das Leben als Ritt auf einem gefährlichen Tier, von dem abzusteigen den Untergang bedeutete, dessen Ritt aber Qual ist. Min sextim nabezim („Ich bin hart, ich werde nicht besiegt“) zeigt den Stolz inmitten der Ausweglosigkeit.

4
Das Paradoxon des Verrats (Vom Freund zur Schlange)

Der zweite Teil ist eine bittere Klage über die menschliche Natur: Die Suche nach Nähe endet stets in Schmerz. Die Verwandlung des Freundes (dos, yar) in einen Tyrannen (zalim) oder eine Schlange (mar) beschreibt das Trauma der Enttäuschung – die Schlange, die sich um die Beine schlingt, ist das Bild dessen, den man genährt hat und der einen zu Fall bringt.

5
Die Sinnlosigkeit der Güte (Çakey dekem)

Das Lied endet mit der verzweifelten Frage nach dem Warum: Der Dichter tut beständig Gutes und erntet Verrat; sein Ende (xetam) scheint vorbestimmt. Das verleiht dem Lied eine beinahe schicksalhafte Dimension – die Klage eines edlen Menschen in einer ehrlosen Welt.

6
Fazit

Ein meisterhaftes Klagelied über die Einsamkeit des Gerechten: die tiefe Bitterkeit eines Menschen, der alles gibt und Undankbarkeit erfährt. Liebe und Freundschaft erscheinen als gefährliche Terrains, in denen man die eigene Identität verlieren kann – ein zeitloses Zeugnis des kurdischen Motivs der Standhaftigkeit trotz ständiger Rückschläge, ein Lied über die Würde im Zerfall.