Mey (مەی) · Wein – Hejar Mukriyanî / Firmêsk
بەبێ خەم بژی، بەبێ خەم بمرە
„Mey" (مەی, „Wein") ist ein berühmtes Gedicht des bedeutenden kurdischen Dichters Hejar Mukriyanî (Ebdulrehman Şerefkendî, 1921–1991), hier interpretiert von Firmêsk und klassisch u. a. von Mohammad Mamle gesungen. In der Tradition von Hafis und Omar Khayyam wird der Wein zum Symbol für Freiheit, Aufrichtigkeit und Lebensfreude – und zur Kritik an freudloser religiöser Heuchelei.
Literarische Analyse
Das Gedicht beginnt mit der Vergänglichkeit: Amanet hatûy – „Du bist als Leihgabe, als Gast gekommen". Amanet ist ein theologischer Begriff: der Mensch besitzt sein Leben nicht, es ist ihm von Gott nur geliehen. Weil das Leben kurz ist, wird Kummer (Xem) zur Verschwendung.
Wie Hafis oder Omar Khayyam nutzt Hejar den „Sufi" als Symbol für Scheinheiligkeit und freudlose Askese. Er fordert ihn auf, „die Wahrheit nicht zu verhüllen", und lädt ihn ein, ein Glas mitzutrinken – also seine starren Vorurteile abzulegen.
Das Weinhaus (Meyxane) ist kein bloßer Ort des Alkoholkonsums, sondern ein Symbol für einen Zustand spiritueller und emotionaler Freiheit, fern von gesellschaftlichen Zwängen und Dogmen. „Stirb im Rausch, steh im Rausch auf" macht den Mest zu einem dauerhaften Zustand der Seele, der über den Tod hinausreicht.
Hejar bricht mit der Vorstellung, man müsse im Diesseits leiden, um im Jenseits belohnt zu werden: Wer hier verbittert ist, ist es auch dort. Wahre Spiritualität liegt in der Lebensfreude (Rûxoşî) – ein Plädoyer für Optimismus.
Kiloşî rîş – wörtlich „das Stroh des Bartes": eine scharfe Beleidigung des formalistischen Klerus („dein Bart ist trockenes Stroh, da wächst nichts – deine Rituale sind unfruchtbar"). Goşegîrî (Rückzug) meint hier nicht asketische Weltflucht, sondern den Rückzug in die Welt der Poesie und des Weins.
Wörtlich „Wein", steht Mey in der kurdischen (wie persischen) Lyrik für göttliche Liebe und Erkenntnis, für Aufrichtigkeit (er bricht die Maske der Heuchelei) und für die Befreiung von der Last der Existenz. Der Gegensatz ist klar: der Sofî für Dogma, Trockenheit, Verbot – Mey für Freiheit, Herzens-Spiritualität und menschliche Wärme. Hejar schrieb in einer Zeit des Umbruchs und vertritt eine humanistisch-säkulare Strömung der kurdischen Literatur.
Wortschatz: Xem Kummer · Meyxane Weinhaus (Freiheit) · Sofî Sufi/Asket (hier: Heuchler) · Mest berauscht (Ekstase/Glück) · Mehşer Jüngstes Gericht · Amanet Leihgabe.
