Mey (مەی) · Wein – Hejar Mukriyanî / Firmêsk

بەبێ خەم بژی، بەبێ خەم بمرە

„Mey" (مەی, „Wein") ist ein berühmtes Gedicht des bedeutenden kurdischen Dichters Hejar Mukriyanî (Ebdulrehman Şerefkendî, 1921–1991), hier interpretiert von Firmêsk und klassisch u. a. von Mohammad Mamle gesungen. In der Tradition von Hafis und Omar Khayyam wird der Wein zum Symbol für Freiheit, Aufrichtigkeit und Lebensfreude – und zur Kritik an freudloser religiöser Heuchelei.

MeyFirmêsk · Text: Hejar Mukriyanî · Soranî
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DeutschSoranî
Strophe 1 · Vergänglichkeit
Die Welt ist es nicht wert, dass du dich um sie grämst,
هێندە ناهێنێ دنیا خەم بخۆی
du bist nur ein Gast, der bald wieder gehen muss.
ئامانەت هاتووی دەبێ زوو بڕۆی
Besonders in den Tagen des Alters ist es weise,
خۆ بەتایبەتی ڕۆژانی پیری
sich an die Zurückgezogenheit zu gewöhnen.
باشە خوو بگری بە گۆشەگیری
Strophe 2 · Das Weinhaus und der Rausch
Lebe ohne Sorgen, stirb ohne Sorgen,
بەبێ خەم بژی بەبێ خەم بمرە
such dir eine dunkle Ecke im Weinhaus.
گۆشەی تاریکی مەیخانە بگرە
Stirb im Rausch und stehe im Rausch wieder auf,
بە مەستی بمرە بە مەستی هەستە
bis zum Tag des Jüngsten Gerichts genügt dieser eine Rausch.
تا ڕۆژی مەحشەر یەک مەستی بەستە
Strophe 3 · An den Sufi
Sufi, es reicht! Verbirg die Wahrheit nicht länger,
سۆفی بەسیەتی ڕاستی مەپۆشە
komm und trink ein Glas mit mir.
وەرە لەگەڵ من پێکێک بنۆشە
Man sagt, dieses Leben sei die Saat für das Jenseits,
ئێرە بۆ ئەولا وەکوو مەزرایە
doch aus deinem trockenen Bart wird nichts sprießen.
کڵۆشی ڕیشت چی لێ دەرنایە
Strophe 4 · Diesseits und Jenseits
Wer hier mürrisch ist, wird es auch dort sein,
کێ لێرە مۆنە لەوێش هەر مۆنە
doch wer hier fröhlich ist, dem gehört auch das Jenseits.
لێرە ڕووخۆش بین ئەوێش ئی خۆنە

Literarische Analyse

1
Carpe Diem & Memento Mori

Das Gedicht beginnt mit der Vergänglichkeit: Amanet hatûy – „Du bist als Leihgabe, als Gast gekommen". Amanet ist ein theologischer Begriff: der Mensch besitzt sein Leben nicht, es ist ihm von Gott nur geliehen. Weil das Leben kurz ist, wird Kummer (Xem) zur Verschwendung.

2
Kritik an religiöser Heuchelei

Wie Hafis oder Omar Khayyam nutzt Hejar den „Sufi" als Symbol für Scheinheiligkeit und freudlose Askese. Er fordert ihn auf, „die Wahrheit nicht zu verhüllen", und lädt ihn ein, ein Glas mitzutrinken – also seine starren Vorurteile abzulegen.

3
Die Philosophie des Rausches (Mestî)

Das Weinhaus (Meyxane) ist kein bloßer Ort des Alkoholkonsums, sondern ein Symbol für einen Zustand spiritueller und emotionaler Freiheit, fern von gesellschaftlichen Zwängen und Dogmen. „Stirb im Rausch, steh im Rausch auf" macht den Mest zu einem dauerhaften Zustand der Seele, der über den Tod hinausreicht.

4
Das Jenseits als Spiegel des Diesseits

Hejar bricht mit der Vorstellung, man müsse im Diesseits leiden, um im Jenseits belohnt zu werden: Wer hier verbittert ist, ist es auch dort. Wahre Spiritualität liegt in der Lebensfreude (Rûxoşî) – ein Plädoyer für Optimismus.

5
Scharfe Sprachbilder

Kiloşî rîş – wörtlich „das Stroh des Bartes": eine scharfe Beleidigung des formalistischen Klerus („dein Bart ist trockenes Stroh, da wächst nichts – deine Rituale sind unfruchtbar"). Goşegîrî (Rückzug) meint hier nicht asketische Weltflucht, sondern den Rückzug in die Welt der Poesie und des Weins.

6
„Mey" – das zentrale Symbol · Kontext

Wörtlich „Wein", steht Mey in der kurdischen (wie persischen) Lyrik für göttliche Liebe und Erkenntnis, für Aufrichtigkeit (er bricht die Maske der Heuchelei) und für die Befreiung von der Last der Existenz. Der Gegensatz ist klar: der Sofî für Dogma, Trockenheit, Verbot – Mey für Freiheit, Herzens-Spiritualität und menschliche Wärme. Hejar schrieb in einer Zeit des Umbruchs und vertritt eine humanistisch-säkulare Strömung der kurdischen Literatur.

Wortschatz: Xem Kummer · Meyxane Weinhaus (Freiheit) · Sofî Sufi/Asket (hier: Heuchler) · Mest berauscht (Ekstase/Glück) · Mehşer Jüngstes Gericht · Amanet Leihgabe.