Kirmaşan (Kermanshah) – Azad Khanaqini

Die leidenschaftliche Ode an Kermanshah im Kelhurî – oft als inoffizielle Hymne der Region betrachtet: Bisotun und Taq-e Bostan als Qibla der Liebenden, das Paradies der Ebenen und die Stadt der Gedichte. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Baskê MinAzad Khanaqini
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DeutschKelhurî
🔁 Refrain (nach jeder Strophe)
Kermanshah, o Kermanshah, du Land der herrlichen Orte –
کرماشان کرماشان ئەی دیارێ خوەش مەکان
Kirmaşan Kirmaşan ey dyarê xweş mekan
die Qibla [Gebetsrichtung] der Liebenden sind Bisotun und Taq-e Bostan.
قیبلەی عاشقانە بیستۊن و تاق وە سان
Qîbley ’aşiqane Bîstiẅn û Taq we San
Distichon 1 · Das Paradies auf Erden
Im Frühling, ach im Frühling, wie lieblich sind deine Ebenen und Gebirge,
لە وەهاران وەهاران خوەشە دەشت و کۆساران
Le weharan weharan xweşe deşt û kosaran
ein Paradies auf Erden sind Eywan, Qasr-e Schirin und Gilan.
بەهەشتێ سەر زەمینە ئەیوان و قەسر و گێڵان
Beheştê ser zemîne Eywan û Qesr û Gêlan
Distichon 2 · Die Seerosen-Quelle
Das Wasser der Seerosen-Quelle [Seraw Nîlufer] schenkt Herz und Seele Frieden,
ئاوێ سەراو نیلوفەرێ سەفابەخشێ دڵ و گیان
Awê Seraw Nîluferê sefabexşê dil û gyan
möge ich dem reinen Staub deines Bodens geopfert sein, du Land der Mutigen.
فدای خاکێ پاکت بام سەرزەمینێ دلیران
Fiday xakê pakit bam serzemînê dilîran
Distichon 3 · Der Segenswunsch
Mögest du fern vom bösen Blick sein, du Schönste unter den Städten,
لە چەوێ بەد وە دۊر بۊد ئەی شاجوانێ شاران
Le çewê bed we diẅir biẅid ey şacwanê şaran
möge der Herr [Mewla] dein Beschützer sein, du Stadt der Gedichte und der Liebenden.
مەولا نگەهدارد بوو شارێ شێعر و عاشقان
Mewla nigehdard bû şarê şê’r û ’aşiqan

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
دیارdyarLand, Gegend
مەکانmekanOrt, Stätte
قیبلەqîbleQibla, Gebetsrichtung
وەهارweharFrühling (Kelhurî)
کۆسارkosarGebirge
بەهەشتbeheştParadies
سەراوserawQuelle, Quellteich
نیلوفەرnîluferSeerose, Lotus
چەوێ بەدçewê bedder böse Blick
مەولاmewlader Herr, Gott
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Die „Qibla“ der Liebenden

Das markanteste Bild: Die Monumente Bisotun und Taq-e Bostan werden zur qîbley ’aşiqane – zur heiligen Gebetsrichtung der Liebenden. Damit erhebt der Dichter die kurdische Geschichte in den Rang des Heiligen: Die Zeugen der Meder- und Sassanidenzeit sind der Fixpunkt, an dem die „Liebe zur Identität“ ihre Richtung findet.

2
Die Geografie der Einheit

Eywan, Qasr-e Schirin (Qesr) und Gilan-e Gharb (Gêlan): Die Aufzählung zeigt die Region als zusammenhängende Einheit, jede Stadt ein Teil des „irdischen Paradieses“. Qasr-e Schirin verweist zudem auf das Liebesepos von Chosrau und Schirin, das tief in der Folklore der Region wurzelt.

3
Wasser als Quelle der Spiritualität

Die Seerosen-Quelle (Seraw Nîlufer) bei Kermanshah ist sefabexş – friedenspendend. Wasser steht in der kurdischen Lyrik für Reinheit und göttliche Gnade; die Verbindung von kühlem Wasser und „reinem Staub“ (xakê pak) zeigt eine fast religiöse Naturverehrung: Das Land ist ein lebendiger Organismus, der die Seele heilt.

4
Die Stadt als Königin

Kermanshah wird als şacwanê şaran – Schönste unter den Städten – personifiziert. Der Wunsch, sie möge vor dem „bösen Blick“ (çewê bed) bewahrt bleiben, ist ein tief verwurzelter orientalischer Segenswunsch; die Bitte um den Schutz des Mewla unterstreicht ihren Rang als unersetzliches Kulturgut – die „Stadt der Gedichte“, das literarische Zentrum des südlichen Kurdistan.

5
Khanaqinis Interpretation

Seine Stimme trägt eine heroische Melancholie, die perfekt zum südkurdischen Dialekt passt. Er singt den Text nicht als Beschreibung, sondern als persönliches Bekenntnis (fiday xakê pakit bam) – ein Akt der Selbstbehauptung und der Liebe zu einer Region, die oft zwischen den großen Mächten zerrieben wurde.

6
Fazit

Mehr als ein Heimatlied – ein Dokument kulturellen Stolzes: antike Geschichte (Bisotun), natürliche Schönheit (Seraw Nîlufer) und menschliche Leidenschaft in einem. Das Lied verwandelt eine geografische Region in einen spirituellen Raum: Heimat ist der Ort, an dem Geschichte und Herzschlag eins werden.