Kelkî Qeywan (Die Gipfel von Qeywan) – Azad Khanaqini

Widerstandslyrik im Soranî (Gedicht: Dilêr Îbrahîm): das Leben der Peshmerga der 1980er Jahre am Berg Qeywan bei Silêmanî – der gefährliche Alltag im Hochgebirge, verwandelt in ein poetisches, fast sakrales Gemälde aus Stille, Mondlicht und Opferbereitschaft. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Baskê MinAzad Khanaqini · Text: Dilêr Îbrahîm
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DeutschSoranî
Teil I · Das stille Tableau im Mondlicht
Die Gipfel von Qeywan sind uns teuer wie ein Geliebter,
کەڵکی قەیوان ئازیز و یار
Kelkî Qeywan azîz û yar
auch wir sind an die Liebe zu ihnen gebunden.
ئێمەش پابەندی عەشقی ئەو
Êmeş pabendî ’eşqî ew
Deshalb, statt zu einem Stelldichein mit der Liebsten zu gehen,
بۆیە هەردەم لە جیاتی ژوان
Boye herdem le cyatî jwan
erklimmen wir stets bei Nacht die steilen Höhen.
ئەبڕین هەوراز بۆ لای بە شەو
Ebrîn hewraz bo lay be şew
Mein Schatten und elf weitere Gefährten
سێبەرەکەم و یانزەی تر
Sêberekem û yanzey tir
wandern im silbernen Schein jenes Mondes;
بەو تریفەی مانگەشەوە
Bew tirîfey mangeşewe
einer nach dem anderen, in tiefer Stille –
یەک لە دوای یەک زۆر بێ دەنگە
Yek le dway yek zor bê denge
ein Bildnis, so ernst und so stumm.
تابلۆیەکی مات و مەنگە
Tabloyekî mat û menge
Teil II · Der Hinterhalt und die Rückkehr
Auf dem Weg zur Stadt schärfen wir unsere Sinne,
لە ڕێی شارا هەست وەردەگرین
Le rêy şara hest werdegrîn
behutsam und langsam bereiten wir uns vor.
بۆیە هێواش بۆی دامەزراین
Boye hêwaş boy damezrayn
Die Gedanken fragen leise: Werden wir sterben? Werden wir leben?
خەیاڵ وتی: دەمرین؟ دەژین؟
Xeyal witî: demrîn? dejîn?
Werden wir wohl auch aus diesem Hinterhalt entkommen?
بڵێی لەم بۆسەیەش دەرچین!
Bilêy lem boseyeş derçîn!
Fest schlang ich mein Gewehr in meine Arme
توند تفەنگم گرتە باوەش
Tund tifengim girte baweş
und sagte: Das Einzige, was in diesen Zeiten
وتم ئەوەی لەم کاتانا
Witim ewey lem katana
geopfert werden muss,
تەنیا قوربانی پێ بدرێت
Tenya qurbanî pê bidrêt
ist nicht nur die Ehre, meine Seele, sondern das Leben selbst.
شەرەف نییە بەڵکو گیانا
Şeref nîye belku gyana
Mit meinem kurdischen Tuch [Jamana] verband ich schließlich
بە جامانا ئەنجام بەستم
Be camana encam bestim
die Wunde an meinem rechten Handgelenk;
برینی مەچەکی ڕاستم
Birînî meçekî rastim
und so kehrten wir wieder zurück, hinauf nach Qeywan.
هاتین دیسان بەرەو قەیوان
Hatîn dîsan berew Qeywan

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
کەڵکkelkGipfel, Anhöhe
یارyarGeliebter, Gefährte
ژوانjwanStelldichein, Rendezvous
هەورازhewrazSteigung, steiler Aufstieg
تریفەی مانگەشەوtirîfey mangeşewder silberne Schein der Mondnacht
بۆسەboseHinterhalt
تفەنگtifengGewehr
جامانەcamaneJamana – kurdisches Kopftuch
برینbirînWunde
شەرەف و قوربانیşeref û qurbanîEhre und Opfer
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Landliebe statt Personenliebe

Das Gedicht beginnt mit einem Kontrast: Das klassische jwan (Stelldichein) steht dem nächtlichen Aufstieg gegenüber; der Berg Qeywan wird als azîz û yar personifiziert. Für den Peshmerga ersetzt die Liebe zum Boden und zur Freiheit die private Liebesbeziehung – die Besteigung des Berges wird zum rituellen Akt der Treue gegenüber der Nation.

2
Die Ästhetik der Stille

Die Einheit – das lyrische Ich und elf Gefährten – zieht unter dem Mond dahin: ein tablo, ein Gemälde. Die Stille (bê deng) und die Ernsthaftigkeit (mat û meng) unterstreichen die Disziplin, symbolisieren aber auch die ständige Nähe des Todes. Der Mondschein dient nicht der Romantik – er ist das einzige Licht in einer Welt der Gefahr.

3
Psychologischer Realismus

In der zweiten Strophe bricht die heroische Fassade auf: Demrîn? Dejîn? – sterben wir? leben wir? Der Hinterhalt (bose) ist eine reale, ständige Bedrohung. Das Lied dokumentiert den inneren Monolog eines Menschen, der weiß, dass jeder Schritt der letzte sein kann; die „Fantasie“ (xeyal) wird zur Stimme von Vorahnung und Angst.

4
Das Gewehr als Gefährte

Die „Umarmung des Gewehrs“ (tifengim girte baweş) ist ein zentrales Motiv der Widerstandspoesie: In der Einsamkeit der Berge wird die Waffe zum engsten Vertrauten, zum Beschützer und Symbol der Selbstbehauptung – eine intime Beziehung zwischen dem Kämpfer und seinem Instrument des Widerstands.

5
Die Symbolik der Jamana

Ein besonders kraftvolles Bild: Die camane, das traditionelle schwarz-weiße Tuch, verbindet die Wunde. Kulturelle Identität und physischer Schmerz verschmelzen – das nationale Symbol heilt wortwörtlich die Wunden des Individuums. Zugleich zeigt es den Mangel an medizinischer Versorgung im Gebirge und die Improvisationskraft der Kämpfer.

6
Die Ethik des Opfers

In der extremen Situation reicht „Ehre“ (şeref) allein nicht mehr – das verlangte Opfer ist gyan, das Leben selbst. Das unterstreicht die Radikalität dieser Ära: Der totale Einsatz des eigenen Lebens ist die einzige Währung, mit der Freiheit erkauft werden kann.

7
Fazit

Eine melancholische und zugleich stolze Chronik: Khanaqinis Interpretation verleiht dem Text würdevolle Schwere. Die Berge sind nicht nur Schauplatz von Kämpfen, sondern ein spiritueller Ort, an dem sich das Schicksal eines Volkes im Schweigen der Nacht entscheidet – ein zeitloses Denkmal für die Generation, die ihre Jugend in den Schluchten von Qeywan einsetzte.