Gewherê (Das Juwel) – Hesen Zîrek

Ein monumentales Werk der Mukriyan-Folklore: Gewher (Juwel) ist traditioneller Frauenname und Symbol der Kostbarkeit zugleich. Hesen Zîrek (1921–1972) verschmilzt sakrale Bildsprache (Kewser, Zamzam) mit weltlicher Liebeslyrik – vor der gewaltigen Kulisse des Bisotun-Gebirges. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

GewherêHesen Zîrek
0:00
⌨️ Leertaste = Play/Pause · ←/→ = ±5s
DeutschSoranî
Strophe 1 · Das Haupt im Nebel
Gleich dem Hochland von Bisotun ist mein Haupt stets in Nebel gehüllt.
وەکوو کوێستانی بێستوون دایمە سەرم بەتەمە
Wekû kwêstanî bêstûn dayme serim beteme
Ich staune über meine Liebste – bei Gott, wie wenig Zuneigung sie für mich hegt.
تەعجوب لە یار دەمێنم وەڵا دەرحەق من مەیلی کەمە
Te’cub le yar demênim wela derheq min meylî keme
Würde meine Liebste mir nur erlauben, ach, jene Lippen und jenen Mund zu küssen.
یارم ئیجازەم بدا ئەی وەی ماچ کەم ئەو لێو و دەمە
Yarim îcazem bida ey wey maç kem ew lêw û deme
🔁 Refrain
O Gewher, meine Seele – Gewher, Gewher, Gewher – geh nicht fort!
گەوهەرێ گیان گەوهەرێ گەوهەر گەوهەر گەوهەرێ مەرۆ
Gewherê gyan gewherê gewher gewher gewherê mero
Deine Brust ist wie der Teich von Kewser [im Paradies].
سینگت حەوزی کەوسەرێ
Sîngit hewzî kewserê
Süßer als das Wasser von Zamzam, du Schöne, zu dem die Pilger ziehen.
خۆشتر لە ئاوی زمزم جوانێ حەجاجی دەچنە سەرێ
Xoştir le awî zimzim cwanê hecacî deçne serê
Ich bat sie um zwei Küsse – was soll ich tun? Fast hätte sie meine Ehre [abrû] geraubt.
داوای دوو ماچم لێ کرد چی بکەم وەخت بوو ئابڕووم بەرێ
Daway dû maçim lê kird çî bikem wext bû abrûm berê
Strophe 2 · Die Tücken des Schicksals
Gleich dem Hochland von Bisotun ist mein Haupt nun gesprenkelt [wie Schnee].
وەکوو کوێستانی بێستوون ئەوا سەرم خاڵخاڵە
Wekû kwêstanî bêstûn ewa serim xalxale
Wegen der Tücken des Schicksals, ach, klagt mein Herz laut.
لە چەرخی داوی گەردوون هاوار دڵم دەکا سکاڵا
Le çerxî dawî gerdûn hawar dilim deka sikala
Ich bin in ihren Wuchs und ihre Gestalt verliebt – ach, die Liebreizende mit den hellen Augen.
عاشقی قەد و باڵای بووم هاوار خوێنشیرین و چاوی کاڵە
’Aşiqî qed û balay bûm hawar xwênşîrîn û çawî kale
Strophe 3 · Das Versprechen an der Quelle
Ich bin doch nicht das Lend-Gebirge, dass ich nur Pilze und Kräuter brächte.
خۆ من کوێستانی لەند نیم بێنم کارگ و کەمایە
Xo min kwêstanî lend nîm bênim karg û kemaye
Ich will ein Fest der Freude bereiten – ach, nur für die Augen meiner Layla.
سەیر و سەفایە ساز کەم ئەی وەی لەبۆ چاوی لەیلایە
Seyr û sefaye saz kem ey wey lebo çawî leylaye
Seit ich jene Frau sah – sie ist so schön –, erinnere ich mich an niemanden sonst.
لەوەتا ئەو ژنەم دیوە جوانە و قەت کەسم وە بیر نایە
Leweta ew jinem dîwe cwane û qet kesim we bîr naye
Wir haben uns versprochen: Im Frühling gehen wir zur Qemter-Quelle.
لەگەڵ یار قەولمان بەستووە بەهار بچینە کانیە قەمتەرێ
Legel yar qewlman bestuwe behar biçîne kanye qemterê
Du hast mich in Brand gesetzt – ach, ich möchte dein Blut trinken [vor Liebe], du Dunkelhäutige.
ئاورت لە من بەرداوە هاوار خوێنت مژیم ئەسمەرێ
Awrit le min berdawe hawar xwênit mijîm esmerê
Strophe 4 · Kein Geschichtenerzähler
Ich bin doch nicht das Lend-Gebirge, dass ich Pilze und Rhabarber brächte.
خۆ من کوێستانی لەند نیم بێنم کارگ و ڕێواسان
Xo min kwêstanî lend nîm bênim karg û rêwasan
Ich bin kein Geschichtenerzähler, ach, den man nur zum Reden einlädt. [sinngemäß]
هیچ من کارخانەجار نیم هاوار دامدەنێن بۆ قسە و باسان
Hîç min karxanecar nîm hawar damdenên bo qise û basan
Ich bin in zwei schöne Augen verliebt – ach, ich raube dir dein Leben, ganz leicht und einfach. [sinngemäß]
عاشقی دوو چاوی جوانم حەیات دەیڕفێنم سووک و هاسان
’Aşiqî dû çawî cwanim heyat deyrfênim sûk û hasan

Anmerkung: Der Refrain wird nach jeder Strophe wiederholt und variiert leicht (daway dû maçim / daway maçêkim). Mit [sinngemäß] markierte Zeilen sind freier übertragen.

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
گەوهەرgewherJuwel, Edelstein – traditioneller Frauenname
بێستوونBîstûnheiliger Berg bei Kermanshah (Bisotun)
بەتەمbetemin Nebel gehüllt
کەوسەرkewserder paradiesische Teich, aus dem die Seligen trinken
زمزمzimzimdie heilige Zamzam-Quelle in Mekka
حەجاجhecacPilger
ئابڕووabrûEhre, Ansehen
خاڵخاڵxalxalgesprenkelt
کارگkargPilz
ڕێواسrêwaswilder Rhabarber
خوێن مژینxwên mijîn„Blut trinken“ – Ausdruck äußerster Leidenschaft
قەول بەستنqewl bestinein Versprechen schließen
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Die Berg-Metaphorik (Bisotun und Lend)

Der Dichter vergleicht seinen Zustand mit dem heiligen Berg Bisotun: Wie dessen Gipfel oft in Wolken liegt, ist der Verstand des Liebenden vom Kummer „vernebelt“. Der Vergleich mit dem Lend-Gebirge ist dagegen eine stolze Zurückweisung: Er ist kein bloßer Sammler von Pilzen (karg) und Rhabarber (rêwas) – er bringt sein ganzes Herz und seine Kunst als Opfergabe.

2
Sakralisierung der Erotik (Kewser und Zamzam)

Das kühnste Merkmal des Liedes: Die heiligsten Symbole des Islam beschreiben den Körper der Frau – die Brust als kewser (der paradiesische Teich), ihre „Süße“ als Zamzam-Wasser, die Liebe als „Pilgerreise“ (hecacî). Diese Vermischung von Heiligem und Profanem ist typisch für die kurdische Sufi-Tradition, in der menschliche Schönheit als höchster Beweis für Gottes Genialität gilt.

3
Das Motiv der Ehre (Abrû)

Humorvoll und schmerzhaft zugleich erzählt der Refrain vom Kussversuch: Die Reaktion der Frau war so abweisend, dass er „fast seine Ehre verloren hätte“. Gewher ist stolz und unnahbar – der Liebende begibt sich in eine gefährliche Abhängigkeit, in der sein Ruf auf dem Spiel steht.

4
Somatische Leidenschaft (Xwênit mijîm)

„Ich möchte dein Blut trinken“ ist ein extrem starker Ausdruck leidenschaftlichen Verlangens: so tief in das Wesen des anderen eindringen zu wollen, dass man eins mit ihm wird – eine Liebe bis an die Grenze der physischen Vernichtung.

5
Identität und Beständigkeit

Seit dem Anblick Gewhers „erinnert“ sich der Dichter „an niemanden sonst“ – das Ideal der absoluten Treue. Dass die Geliebte als „Layla“ bezeichnet wird, stellt sie in die Reihe der unsterblichen Liebenden der Literatur.

6
Form und Rhythmus

Der Wechsel zwischen den langen, klagenden Versen der Strophen und dem schnellen, fast ekstatischen Refrain („Gewher Gewher Gewherê“) spiegelt die emotionale Unruhe des Liebenden.

7
Fazit

Eine Hymne an die Schönheit als Religion: Die gewaltige Natur Kurdistans (Berge, Quellen) verschmilzt mit der intimen Anatomie der Frau. Für den Liebenden verschwinden die Grenzen zwischen Paradies und irdischer Welt, sobald er in die Augen seiner „Gewher“ blickt – ein zeitloses Meisterwerk voller Stolz, Humor und tiefer spiritueller Sehnsucht.