Bew Bew (Komm herbei) – Azad Khanaqini

Eines der rhythmischsten Lieder Khanaqinis im Kelhurî: ein Tanzlied im Stil von Khanaqin und Kermanschah – das verzweifelte Flehen, die Nacht gemeinsam zum Tage zu machen, zwischen Leichentuch-Schwur, Regengebet und dem Kuss als heiliger Pflicht. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Baskê MinAzad Khanaqini
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DeutschKelhurî
Distichon 1 · Der Schwur
Sollte ich jemals deinen Namen vergessen, meine Seele,
ئەگەر ناوەگەد گیان فەرامووشم بوو
Eger naweged gyan feramûşim bû
dann möge das weiße Leichentuch mein Gewand sein.
سفیدی کەفەن وەی باڵاپووشم بوو
Sifîdî kefen wey balapûşim bû
🔁 Refrain (nach jeder Strophe)
Komm her, komm her, geh nicht fort von mir –
بەو بەو بەو بەو وەی بەو مەچوورەوە
Bew bew bew bew wey bew meçûrewe
lass uns diese Nacht gemeinsam zum Tage machen.
ئیمشەو لە لامان گیان ڕووژ بکەرەوە
Îmşew le laman gyan rûj bikerewe
Distichon 2 · Das Regengebet
Mein einziges Gebet zu Gott ist, dass es regne,
خودا خودامە گیان واران بووارێ
Xuda xudame gyan waran buwarê
damit die hochgewachsene Schöne aus ihrem Hause tritt.
سەوزەی باڵابەرز وەی لە ماڵ درارێ
Sewzey balaberz wey le mal dirarê
Distichon 3 · Das Liebesfieber
Lege deine Hand in meine und spüre mein Fieber,
دەس کە لە دەسم گیان بزانە تەو دیرم
Des ke le desim gyan bizane tew dîrim
nur eine einzige Wohltat noch, damit ich nicht sterbe.
یەک لاڵە وە خەیر گیان بەشکەم نەمرم
Yek lale we xeyr gyan beşkem nemirim
Distichon 4 · Der Kuss als Pflicht
Schau hinauf zum Mond, wie hoch er am Himmel steht –
بنووڕ وەی مانگە گیان یە چەنی بەرزە
Binûr wey mange gyan ye çenî berze
einen Kuss von der Liebsten zu empfangen, ist heute Nacht eine heilige Pflicht.
ماچێ دووس کردن گیان هەر ئیمشەو فەرزە
Maçê dûs kirdin gyan her îmşew ferze

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
بەوbewkomm! (Kelhurî)
ئیمشەوîmşewheute Nacht
ڕووژrûjTag (Kelhurî)
کەفەنkefenLeichentuch
وارانwaranRegen (Kelhurî)
سەوزەsewzedie „Grüne“, die Frische – die Schöne
تەوtewFieber
خەیرxeyrWohltat, gute Tat
مانگmangMond
ماچ / فەرزmaç / ferzKuss / religiöse Pflicht
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Liebe und Tod

Gleich die erste Strophe setzt das stärkste Bild: das weiße Leichentuch (sifîdî kefen). Den Namen der Geliebten zu vergessen wäre gleichbedeutend mit dem physischen Tod – die totale Hingabe ist so radikal, dass die Existenz des Liebenden ohne die Geliebte endet und sich die Kleidung des Lebenden augenblicklich in die des Toten verwandelte.

2
Der Regen als Komplize

Die zweite Strophe spiegelt die soziale Realität des Dorflebens: Junge Frauen verließen das Haus nur zu bestimmten Anlässen. Der Dichter bittet Gott um Regen (waran) – denn der Regen zwingt die Geliebte (sewze, die „Grüne“), aus dem Haus zu treten. Die Natur wird zum Verbündeten des Liebenden gegen die strengen sozialen Regeln.

3
Das Liebesfieber

Das Fieber (tew) beschreibt die Liebe als physische Krankheit: Die Geliebte soll die Hand halten und die Hitze des Körpers spüren. Liebe ist keine abstrakte Empfindung, sondern brennende Energie – nur eine „Wohltat“ (xeyr), eine Berührung, kann den drohenden Tod abwenden.

4
Der Kuss als Ferz

Besonders kühn die letzte Strophe: Der religiöse Begriff ferz (obligatorische Pflicht im Islam) beschreibt den Kuss der Geliebten. Unter dem hohen Mond wird das Treffen zum heiligen Akt – Khanaqini bricht spielerisch mit der strengen Moral und erklärt die Liebe zur höchsten religiösen Handlung der Nacht.

5
Form und Rhythmus

Das Kelhurî macht den Klang weich und musikalisch; der Refrain bew bew wirkt wie ein herzschlagartiges Pochen. Rûj bikerewe – macht die Nacht zum Tage – symbolisiert den Wunsch, Dunkelheit und Einsamkeit durch die Anwesenheit der Geliebten zu besiegen: Licht und Tag stehen für die Vereinigung (wîsal).

6
Fazit

Eine Hymne an das leidenschaftliche Verlangen: traditionelle südkurdische Bildsprache in einer mitreißenden Melodie. Die Liebe entscheidet über Leben und Tod und beansprucht sogar die göttliche Ordnung – Regen und religiöse Pflicht – für sich. Ein Meisterwerk, das zugleich zum Weinen und zum Tanzen einlädt.