Be Lenger – Çawit Estêrey Şewê (Die Sterne der Nacht) – Hesen Zîrek
Ein Meisterwerk der Mukriyan-Folklore: Hesen Zîrek (1921–1972) verbindet tiefe Sehnsucht mit fast provokanter Direktheit – Naturmetaphorik, religiöse Schwüre und das dramatische Zwiegespräch mit dem Todesengel Azrael, das die Radikalität der kurdischen Liebe verdeutlicht. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.
Anmerkung: Der Refrain wird nach jeder Strophe wiederholt. Einzelne Wanderverse (çawit estêrey şewê, dendûkî kewê) teilen sich dieses Lied und „Nexoş û Derdedarim“ – in der Folklore üblich, es sind zwei eigenständige Lieder.
Kurzes Vokabular
| Kurdisch | Umschrift | Bedeutung |
|---|---|---|
| بەلەنگەر | belenger | Kosename: die Stolze, Majestätische |
| چاوباز | çawbaz | Falkenauge |
| ئەبرۆسەقەر | ebroseqer | Habichtbraue |
| ئیزرائیل | Îzra'îl | Azrael, der Todesengel |
| دەلیل | delîl | Beweis, Grund |
| سەیدی زەمبیل | Seydî Zembîl | verehrte religiöse Stätte bei Bokan |
| دیل | dîl | Gefangener |
| تاڵان | talan | Raub, Plünderung |
| سەرین | serîn | Kissen |
| گۆزە | goze | Wasserkrug |
| کانی | kanî | Quelle |
| زریان | ziryan | Sturm, Schneesturm |
| سۆزە | soze | Pfeifen, Heulen (des Windes) |
Literarische Analyse
Die Augen sind Sterne (estêre), die Nacht wie Tag beherrschen; die Wangen wie der „Schnabel des Rebhuhns“ (das gesunde Rot der Jugend); Augen und Brauen als Falke (baz) und Habicht (seqer) – ein scharfer, stolzer, „mörderischer“ Blick, der den Liebenden geistig bezwingt.
Das zentrale, hochdramatische Motiv: Der Liebende ist bereit, mit Azrael zu verhandeln – er beschwört ihn beim Koran und beim heiligen Tuch des Seydî Zembîl (einer verehrten Stätte bei Bokan). Die Liebe klopft an die Pforten der Metaphysik: Er bittet um sein Leben nicht aus Angst, sondern um die Zeit mit der Geliebten zu verlängern.
Zîrek ist berühmt für seine Ehrlichkeit: Die Geliebte ist verheiratet (mêrdit) und hat Kinder (daykî mindalan). Eine verheiratete Frau so leidenschaftlich zu besingen war ein gewagter Tabubruch – und die Frage, wen sie mehr liebe, stellt die individuelle Emotion über die gesellschaftliche Institution der Ehe.
Momente des Dorflebens: Das Tragen des Wasserkruges (goze) zur Quelle (kanî) war traditionell einer der wenigen Augenblicke, in denen sich Liebende flüchtig sehen konnten – authentische, bodenständige Atmosphäre.
Der Sturm der letzten Strophe: Kälte und Härte der Natur spiegeln die soziale Ausgrenzung des Liebenden, der draußen vor der verschlossenen Tür steht. „Öffne mir die Tür“ ist ein Schrei nach menschlicher Wärme in einer feindseligen Welt.
Ein monumentales Zeugnis der Rebellion des Herzens: Glaube, Tod und Natur ringen miteinander. Der Liebende erscheint als heroischer Außenseiter, der den Tod nicht fürchtet – aber die Trennung als das eigentliche Ende der Welt begreift. In Zîreks unnachahmlicher Stimme eine Hymne der kurdischen Seele, die sich den Gesetzen der Sterblichkeit und der strengen Sitten nicht kampflos unterwirft.
