Be Lenger – Çawit Estêrey Şewê (Die Sterne der Nacht) – Hesen Zîrek

Ein Meisterwerk der Mukriyan-Folklore: Hesen Zîrek (1921–1972) verbindet tiefe Sehnsucht mit fast provokanter Direktheit – Naturmetaphorik, religiöse Schwüre und das dramatische Zwiegespräch mit dem Todesengel Azrael, das die Radikalität der kurdischen Liebe verdeutlicht. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Be LengerHesen Zîrek
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DeutschSoranî
Strophe 1 · Die Sterne der Nacht
Deine Augen sind die Sterne der Nacht, deine Wangen wie der Schnabel eines Rebhuhns.
چاوت ئەستێرەی شەوێ کوڵمت دەندووکی کەوێ
Çawit estêrey şewê kulimit dendûkî kewê
Lass deinen Arm mein Kissen sein, damit wir beide gemeinsam in den Schlaf sinken.
باسکت بۆم بکه بە سەرین بە جووت خەومان لێ بکەوێ
Baskit bom bikih be serîn be cût xewman lê bikewê
Ich flehe zu Gott: Möge mein Tod dem deinen zuvorkommen.
لە خودا دەکەم تەمەنا مەرگم وە پێشت کەوێ
Le xuda dekem temena mergim we pêşt kewê
Sag mir: Wen von uns liebst du mehr – mich oder jene „Blume“ von Ehemann?
لە من و لە گولەکەی مێردت کاممانت زۆر خۆش دەوێ
Le min û le gulekey mêrdit kammanit zor xoş dewê
🔁 Refrain · Das Zwiegespräch mit Azrael
O weh, o weh, du Stolze – du Anmutige mit den Falkenaugen und Habichtbrauen.
ئەی وەی وەی بەلەنگەر چاوباز و ئەبرۆسەقەر
Ey wey wey belenger çawbaz û ebroseqer
Ich lasse nicht von deiner Gestalt, selbst wenn Azrael [der Todesengel] über mich kommt.
دەست لە باڵات هەڵناگرم ئیزرائیلم بێتە سەر
Dest le balat helnagirim îzra'îlim bête ser
Wenn Azrael über mich kommt, wird er nicht ohne Beweis [Grund] weichen.
بێتە سەرم ئیزرائیل ڕازی نابێ بێ دەلیل
Bête serim îzra'îl razî nabê bê delîl
Ich werde ihn beim Koran beschwören und beim Tuch des Heiligen von Zembîl.
سوێندی دەدەم بە قوڕعان و بە شاڵی سەیدی زەمبیل
Swêndî dedem be quran û be şalî seydî zembîl
Ich werde sagen: „Ich bin noch jung, o mein Leben – nimm mich nicht gefangen!“
دەڵێم هێشتا جەوانم باوانم مەمگرە بە دیل
Delêm hêşta cewanim bawanim memgire be dîl
Strophe 2 · Der geraubte Glaube
Deine Augen sind die Sterne der Häuser – sie haben meinen Glauben geraubt.
چاوت ئەستێرەی ماڵان دینت بردووم بە تاڵان
Çawit estêrey malan dînit birdûm be talan
Komm her, lege deine Hand in meine, du Herrin der Züge und Muttermale.
دە وەرە دەستم دەستۆ کە ساحەبی خەت و خاڵان
De were destim desto ke sahebî xet û xalan
Sie hat mein Inneres in Brand gesetzt – die Mutter der Kinder hat mich getötet.
ئاوری لە من بەرداوە کوشتمی دایکی منداڵان
Awrî le min berdawe kuştimî daykî mindalan
Es ist weder Schande noch Wille – sie hat meinen Glauben gänzlich geraubt.
نە عەیبە وەی نە ئیرادە دینی بردووم بە تاڵان
Ne eybe wey ne îrade dînî birdûm be talan
Strophe 3 · Der Wasserkrug an der Quelle
Deine Augen sind die Sterne des Tages – sie gehen über dem Sultan auf.
چاوت ئەستێرەی ڕۆژێ هەڵدێ لەسەر سوڵتانی
Çawit estêrey rojê heldê leser sultanî
Lass mich meinen Arm unter dein Haupt legen, o du geliebter Gast.
باسکم وە ژوور سەری دە خۆشەویستی میوانی
Baskim we jûr serî de xoşewîstî mîwanî
Ach, ich vergehe für jenen Wasserkrug [goze], den die Zarte zur Quelle trägt.
هەی لەبەر ئەو گۆزە دەمرم ناسکێ دەیبا بۆ کانی
Hey leber ew goze demirim naskê deyba bo kanî
Du hast mich in Brand gesetzt, o du geliebter Gast.
ئاورت لە من بەرداوە خۆشەویستی میوانی
Awrit le min berdawe xoşewîstî mîwanî
Strophe 4 · Der Sturm vor der Tür
Deine Augen sind die Sterne des Tages – sie gehen im Morgengrauen auf.
چاوت ئەستێرەی ڕۆژێ هەڵدێ بەری بەیانی
Çawit estêrey rojê heldê berî beyanî
Du hast mich entzündet – die Mutter des Gastes hat mich umgebracht.
ئاورت لە من بەرداوە کوشتمی دایکی میوانی
Awrit le min berdawe kuştimî daykî mîwanî
Komm, öffne mir die Tür – das Pfeifen des Sturms hat mich fast getötet.
دە وەرە دەرکەم لێ وەکه کوشتمی سۆزەی زریانی
De were derkem lê wekih kuştimî sozey ziryanî
Komm, öffne mir die Pforte – das Pfeifen des Sturms bringt mich um.
دە وەرە دەرگام لێ وەکه کوشتمی سۆزەی زریانی
De were dergam lê wekih kuştimî sozey ziryanî

Anmerkung: Der Refrain wird nach jeder Strophe wiederholt. Einzelne Wanderverse (çawit estêrey şewê, dendûkî kewê) teilen sich dieses Lied und „Nexoş û Derdedarim“ – in der Folklore üblich, es sind zwei eigenständige Lieder.

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
بەلەنگەرbelengerKosename: die Stolze, Majestätische
چاوبازçawbazFalkenauge
ئەبرۆسەقەرebroseqerHabichtbraue
ئیزرائیلÎzra'îlAzrael, der Todesengel
دەلیلdelîlBeweis, Grund
سەیدی زەمبیلSeydî Zembîlverehrte religiöse Stätte bei Bokan
دیلdîlGefangener
تاڵانtalanRaub, Plünderung
سەرینserînKissen
گۆزەgozeWasserkrug
کانیkanîQuelle
زریانziryanSturm, Schneesturm
سۆزەsozePfeifen, Heulen (des Windes)
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Astronomische und animalische Ästhetik

Die Augen sind Sterne (estêre), die Nacht wie Tag beherrschen; die Wangen wie der „Schnabel des Rebhuhns“ (das gesunde Rot der Jugend); Augen und Brauen als Falke (baz) und Habicht (seqer) – ein scharfer, stolzer, „mörderischer“ Blick, der den Liebenden geistig bezwingt.

2
Der Kampf mit dem Todesengel (Îzra'îl)

Das zentrale, hochdramatische Motiv: Der Liebende ist bereit, mit Azrael zu verhandeln – er beschwört ihn beim Koran und beim heiligen Tuch des Seydî Zembîl (einer verehrten Stätte bei Bokan). Die Liebe klopft an die Pforten der Metaphysik: Er bittet um sein Leben nicht aus Angst, sondern um die Zeit mit der Geliebten zu verlängern.

3
Sozialer Realismus und Tabubruch

Zîrek ist berühmt für seine Ehrlichkeit: Die Geliebte ist verheiratet (mêrdit) und hat Kinder (daykî mindalan). Eine verheiratete Frau so leidenschaftlich zu besingen war ein gewagter Tabubruch – und die Frage, wen sie mehr liebe, stellt die individuelle Emotion über die gesellschaftliche Institution der Ehe.

4
Die ländliche Idylle (Goze und Kanî)

Momente des Dorflebens: Das Tragen des Wasserkruges (goze) zur Quelle (kanî) war traditionell einer der wenigen Augenblicke, in denen sich Liebende flüchtig sehen konnten – authentische, bodenständige Atmosphäre.

5
Die Natur als Spiegel der Not (Ziryan)

Der Sturm der letzten Strophe: Kälte und Härte der Natur spiegeln die soziale Ausgrenzung des Liebenden, der draußen vor der verschlossenen Tür steht. „Öffne mir die Tür“ ist ein Schrei nach menschlicher Wärme in einer feindseligen Welt.

6
Fazit

Ein monumentales Zeugnis der Rebellion des Herzens: Glaube, Tod und Natur ringen miteinander. Der Liebende erscheint als heroischer Außenseiter, der den Tod nicht fürchtet – aber die Trennung als das eigentliche Ende der Welt begreift. In Zîreks unnachahmlicher Stimme eine Hymne der kurdischen Seele, die sich den Gesetzen der Sterblichkeit und der strengen Sitten nicht kampflos unterwirft.