Be Boney Towe Lem Şare Wêłim (Wegen dir irre ich durch diese Stadt) – Karwan Osman

Karwan Osman (کاروان عوسمان) ist eine Kultfigur der kurdischen Musikszene der 1980er und 90er Jahre: minimalistisch begleitet, oft nur mit Gitarre oder Laute, mit tief melancholischer, fast schmerzhaft ehrlicher Stimme – der „Barde der Einsamen“. „Be Boney Towe“ ist eines seiner bekanntesten Werke: die totale Desorientierung eines Liebenden in der urbanen Anonymität – und die Unfähigkeit, sich von einer schmerzhaften Bindung zu lösen. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Be Boney ToweKarwan Osman
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DeutschSoranî
Strophe 1 · Der Ursprung der Poesie
Komm zu mir, du Ursprung [Hefe] meiner Poesie,
وەرە لام هەوێنی شیعرم
Were lam hewênî şî’irim
komm zu mir, komm zu mir, komm zu mir.
وەرە لام وەرە لام وەرە لام
Were lam were lam were lam
Heile meine Schmerzen und meine Wunden,
ساڕێژ کە زام و برینم
Sarêj ke zam û birînim
komm zu mir, komm zu mir, komm zu mir.
وەرە لام وەرە لام وەرە لام
Were lam were lam were lam
Die Hoffnung meines jahrelangen Lebens sind allein deine blauen Augen,
ئاواتی ژینی چەند ساڵەم تەنها چاوە شینەکانتە
Awatî jînî çend salem tenha çawe şînekante
doch deine Augen sind so mitleidlos, sie gehen in dieser tiefen Nacht nicht auf.
چاوی تۆش هێندە بێڕەحمە هەڵنایە لەم شەوەزەنگە
Çawî toş hênde bêrehme helnaye lem şewezenge
Wegen dir ist es, dass ich in dieser Stadt umherirre,
بە بۆنەی تۆوە کە من لەم شارە وێڵم
Be boney towe ke min lem şare wêlim
wie könnte mein Herz es zulassen, dich zu verlassen?
چۆن دڵم دێڵێ کە تۆ بەجێ بهێڵم
Çon dilim dêlê ke to becê bihêlim
Strophe 2 · Die Ferne als Aggressor
Glaub ja nicht, dass deine Ferne von mir,
وا مەزانە کە دووریت لێم
Wa mezane ke dûrît lêm
deine Ferne, deine Ferne, deine Ferne,
دووریت لێم دووریت لێم دووریت لێم
Dûrît lêm dûrît lêm dûrît lêm
die Glut deiner Liebe mich jemals verlassen lässt –
سۆزی عیشقت جێم ئەهێڵێ
Sozî ’îşqit cêm ehêlê
verlassen lässt, verlassen lässt, verlassen lässt.
ئەهێڵێ ئەیهێڵێ ئەیهێڵێ
Ehêlê eyhêlê eyhêlê
Deine Ferne ist eine grauenvolle Nacht, die den Schlaf aus meinen Augen vertreibt,
دووریت شەوێکی سامناکە خەو لە چاوم ئەتۆرێنێ
Dûrît şewêkî samnake xew le çawim etorênê
deine Ferne ist eine tiefe Wunde, die mir die Botschaft meines Todes bringt.
دووریت زامێکی قووڵە بۆم پەیامی مەرگم بۆ دێنێ
Dûrît zamêkî qûle bom peyamî mergim bo dênê
Wegen dir ist es, dass ich in dieser Stadt umherirre,
بە بۆنەی تۆوە کە من لەم شارە وێڵم
Be boney towe ke min lem şare wêlim
wie könnte mein Herz es zulassen, dich zu verlassen?
چۆن دڵم دێڵێ کە تۆ بەجێ بهێڵم
Çon dilim dêlê ke to becê bihêlim
Strophe 3 · Schmetterling und Kerze
Komm, o Teure, sei nicht gekränkt,
وەرە ئازیز مەڕەنجێ
Were azîz merencê
grolle nicht, grolle nicht, grolle nicht.
مەڕەنجێ مەڕەنجێ مەڕەنجێ
Merencê merencê merencê
Ohne dich bin ich vertrieben und allein,
بە بێ تۆ ئاوارە و تەنیام
Be bê to aware û tenyam
grolle nicht, grolle nicht, grolle nicht.
مەڕەنجێ مەڕەنجێ مەڕەنجێ
Merencê merencê merencê
Der Schmetterling meiner Liebe sucht den Duft in allen Gärten der Welt.
پەپوولەی عیشقم بۆنی باخی دنیا گشت ئەکات
Pepûley ’îşqim bonî baxî dinya gişt ekat
Komm, die Kerze des Lebens brennt nur noch schwach, sie verglüht in dieser finsteren Nacht.
وەرە مۆمی تەمەن کزە لەم شەوە تارە ئەسووتێ
Were momî temen kize lem şewe tare esûtê
Wegen dir ist es, dass ich in dieser Stadt umherirre,
بە بۆنەی تۆوە کە من لەم شارە وێڵم
Be boney towe ke min lem şare wêlim
wie könnte mein Herz es zulassen, dich zu verlassen?
چۆن دڵم دێڵێ کە تۆ بەجێ بهێڵم
Çon dilim dêlê ke to becê bihêlim

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
هەوێنhewênHefe, Ferment – poetisch: der Ursprung, der die Poesie erst „aufgehen“ lässt
وێڵwêłumherirrend, ziellos
شەوەزەنگşewezengstockfinstere Nacht
ساڕێژsarêjHeilung (einer Wunde)
مەڕەنجێmerencêgrolle nicht, sei nicht gekränkt (von renc „Mühsal, Kränkung“)
ئاوارەawareheimatlos, vertrieben
مۆمی تەمەنmomî temendie „Kerze des Lebens“ – Bild für die verrinnende Lebenszeit
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Die Geliebte als schöpferisches Prinzip (Hewên)

Der Dichter nennt die Geliebte „Hewênî şî’irim“. Das Wort hewên bezeichnet die Hefe oder den Fermentationsstoff (z. B. für Joghurt). In der Poesie eine tiefgründige Metapher: Die Geliebte ist nicht nur Thema des Gedichts, sondern der Stoff, der den Dichter erst dazu bringt, Worte zu erschaffen. Ohne sie bleibt sein Geist „unvergoren“ und stumm.

2
Die Stadt und das Irren (Wêł)

Im Gegensatz zur klassischen kurdischen Naturlyrik, die oft in den Bergen spielt, ist dies ein urbanes Klagelied. Die Stadt wird als Labyrinth der Einsamkeit dargestellt: Das lyrische Ich ist geografisch verankert, aber emotional heimatlos – die Stadt nur der äußere Rahmen für eine innere Wüste.

3
Die mitleidlose Schönheit: die blauen Augen

In der traditionellen kurdischen Poesie werden fast ausschließlich dunkle Augen besungen. Blaue Augen (çawe şînekan) symbolisieren hier eine seltene, kühle, unnahbare Schönheit. Dass sie in der „finsteren Nacht“ (şewezeng) nicht aufgehen, beschreibt die Verweigerung von Hoffnung: Die Augen, die Licht spenden sollten, bleiben verschlossen.

4
Die physische Präsenz der Abwesenheit

Die Ferne (dûrî) wird als aktiver Aggressor beschrieben: eine „grauenvolle Nacht“ (şewêkî samnak), eine „Botschaft des Todes“ (peyamî merg). Trennung ist kein bloßer Zustand, sondern ein langsamer Prozess des Sterbens – die Liebe eine unheilbare Krankheit, die von innen zersetzt.

5
Schmetterling und Kerze (Pepûle û Mom)

Zwei klassische Motive der kurdischen Romantik: Der Schmetterling symbolisiert die Seele, die unermüdlich nach dem „Duft“ der Liebe sucht, selbst wenn sie scheitert. Die „Kerze des Lebens“ steht für die verrinnende Zeit – das Licht ist „schwach“ (kiz), die Bitte dringlich.

6
Das Paradoxon der Bindung

Der Refrain – „Wegen dir irre ich umher / wie könnte ich dich verlassen?“ – drückt die tragische Abhängigkeit aus: Die Geliebte ist Ursache des Leids und zugleich der einzige Grund der Existenz. Es gibt keinen Fluchtweg, denn das Herz weigert sich, die Quelle seines Schmerzes loszulassen.

7
Fazit

„Be Boney Towe“ ist ein Meisterwerk des kurdischen existentiellen Realismus: kein lauter Protest, sondern ein leises, intensives Flehen. Die Liebe als totale Macht, die den Menschen zum ewigen Wanderer in den Straßen seiner eigenen Sehnsucht macht.