Strophe 1 · Das Tuch mit zwei Borten
Seidenes Tuch mit zwei Borten – deine Heirat hat mir Staub aufs Haupt gestreut.
دەسماڵ حەریری دووبەر مێردت کرد خۆڵم وەسەر
Desmal herîrî dûber mêrdit kird xolim weser
Wenn du willst, dass ich nicht sterbe, so massiere mich, zarte Geliebte.
ئەگەر حەز دەکەی نەمرم تۆ بمشێلە ناسکە دولبەر
Eger hez dekey nemirim to bimşêle naske dulber
Wegen deines Wuchses bin ich auch diesmal wieder heimatlos geworden.
دەسەر باڵای تۆیە گیانم ئەمجاریش بووم دەربەدەر
Deser balay toye gyanim emcarîş bûm derbeder
O weicht zur Seite, weicht schnell zur Seite! Meine Liebste kommt, ich will sie sehen.
ئای لاچن زوو لاچن یارەکەم دێ من بیبینم
Ay laçin zû laçin yarekem dê min bîbînim
Ich bin krank und verwundet – möge sie meine Wunde heilen.
من نەخۆش و بریندارم با ساڕێژ بکا برینم
Min nexoş û birîndarim ba sarêj bika birînim
Strophe 2 · Die Edle
Einfaches seidenes Tuch – du hast meinen Glauben [dîn] in den Wind zerstreut.
دەسماڵ حەریری سادە دینت بردووم بەبادا
Desmal herîrî sade dînit birdûm bebada
Wenn du willst, dass ich nicht sterbe, komm und massiere mich, du Edle [Necîbzade].
ئەگەر حەز دەکەی نەمرم وەرە بمشێلە نەجیبزادە
Eger hez dekey nemirim were bimşêle necîbzade
Es ist weder Schande noch Wille – allein dein Anblick macht mein Herz froh.
نە عەیبە نە ئیرادە من بە بینینت دڵم شادە
Ne ’eybe ne îrade min be bînînit dilim şade
O weicht zur Seite, meine Seele! Meine Liebste kommt, sie sieht mich.
ئای لاچن گیان لاچن یارەکەم وا دێ دەمبینێ
Ay laçin gyan laçin yarekem wa dê dembînê
Ach, mein Innerstes [meine Leber] ist ganz zerfressen – möge sie meine Wunde heilen.
هەی جەرگەکەم پاک زامارە با ساڕێژ بکا برینم
Hey cergekem pak zamare ba sarêj bika birînim
Strophe 3 · Das rote Tuch
Rotes seidenes Tuch – Bruder, ihr Körper ist gerade wie eine Flöte [Bilûr].
دەسماڵ حەریری سوورە برام قەدی دەڵێی بلوورە
Desmal herîrî sûre biram qedî delêy bilûre
Wenn sie mit ihrem Munde spricht, meint man, es seien Saz und Hackbrett [Semtûr].
قسە دەکا بە زاری هەر دەڵێی ساز و سەمتوورە
Qise deka be zarî her delêy saz û semtûre
Ich bin verliebt in ihren Wuchs – ihre Waden gleichen dem Rettich [so weiß und fest].
عاشقی قەد و باڵای بووم بەلەکی دەڵێی توورە
’Aşiqî qed û balay bûm belekî delêy tûre
O weicht zur Seite, meine Seele! Meine Liebste kommt – lasst sie mich sehen.
ئای لاچن گیان لاچن یارەکەم دێ با بیبینم
Ay laçin gyan laçin yarekem dê ba bîbînim
Meine Leber ist ganz in Stücke gerissen – sie wird meine Wunde heilen.
جەرگی من هەمووی لەت لەتە ئەو ساڕێژ دەکا برینم
Cergî min hemûy let lete ew sarêj deka birînim
Strophe 4 · Das blaue Tuch
Blaues seidenes Tuch – sie selbst ist süß wie Honig.
دەسماڵ حەریری شینە خۆی شیرنە دەڵێی هەنگوینە
Desmal herîrî şîne xoy şîrne delêy hengiwîne
Bruder, bei Gott, so ist es – komm und sieh es mit meinen Augen.
برام بیللاهی وایە وەرە تۆ لە چاوی من بیبینە
Biram bîllahî waye were to le çawî min bîbîne
Die Liebste hat mich in Brand gesetzt – ihre Brust ist wie der Schnee von Hewşîn.
ئاوری لە من بەرداوە یار سینگی بەفری هەوشینە
Awrî le min berdawe yar sîngî befrî hewşîne
Leber und Herz sind mir verwundet – sie wird meine Wunde heilen.
جەرگ و دڵم بریندارە ئەو ساڕێژ دەکا برینم
Cerg û dilim birîndare ew sarêj deka birînim
Strophe 5 · Die Gazelle und die Taube
Seidenes Tuch der Gazelle – sie sprang auf wie eine Gazelle.
دەسماڵ حەریری ئاسکە ڕاپەڕی دەڵێی ئاسکە
Desmal herîrî aske raperî delêy aske
Grünes seidenes Tuch – sie sprang auf wie eine Gazelle.
دەسماڵ حەریری کەسکە ڕاپەڕی دەڵێی ئاسکە
Desmal herîrî keske raperî delêy aske
Ich bat sie um zwei Küsse – das Mädchen entfloh mir von einem Hügel zum anderen. [sinngemäß]
داوای دوو ماچم لێ کرد هەتیو هەڵات ئەم باسک ئەو باسکە
Daway dû maçim lê kird hetîw helat em bask ew baske
Ich bat sie um zwei Küsse – sie flatterte davon wie eine scheue Taube.
داوای دوو ماچم لێ کرد هەر وەکوو کۆتر دەهاسکا
Daway dû maçim lê kird her wekû kotir dehaska
O weicht zur Seite, meine Seele! Meine Liebste kommt und zieht vorüber.
ئای لاچن گیان لاچن یارەکەم دێت و ڕادەبرێ
Ay laçin gyan laçin yarekem dêt û radebrê
Jeder, der herkommt und sie ansieht – zweifellos wird Gott ihn strafen [vor Neid].
هەر کەس بێت و بیبینێ بێ شک خودا دەیگرێ
Her kes bêt û bîbînê bê şik xuda deygirê
1Die Symbolik des Tuches (Desmal)
Das seidene Tuch ist Symbol für Eleganz, Status und Liebe. Jede Strophe beginnt mit einer anderen Farbe (rot, blau, grün) – die Vielfalt der Schönheit und die wechselnden Stimmungen des Liebenden. Das Tuch ist das Erkennungszeichen der Geliebten: Es kündigt ihre Anwesenheit an und verbirgt zugleich ihre Reize.
2Liebe als physisches Trauma und Heilung
Das wiederkehrende Motiv des Massierens (şêlan): Der Liebende ist durch die Sehnsucht physisch erkrankt und bittet die Geliebte um Berührung. Sie ist nicht nur Objekt des Begehrens, sondern die einzige Arznei (derman) – die „zerfressene Leber“ (cerg) unterstreicht die Schwere des inneren Leids.
3Musikalische und somatische Vergleiche
Die Stimme wie Saz und Hackbrett – die Sprache der Frau als höchste Form der Musik; der Körper wie eine Flöte (bilûr) – schlank und harmonisch; die Brust wie der Schnee von Hewşîn – Reinheit, Kühle, Unerreichbarkeit; die Waden wie Rettich (tûr) – ein archaischer Vergleich für das Schönheitsideal weißer, fester Waden.
4Die soziale Barriere der Ehe
„Mêrdit kird xolim weser“ – deine Heirat hat mir Staub aufs Haupt gestreut: Staub auf dem Kopf ist Zeichen von Demütigung und tiefster Trauer. Der Liebende besingt eine Frau, die einem anderen gehört – und fordert die Menge subversiv auf, Platz zu machen (ay laçin), um eine verbotene Schönheit zu bewundern.
5Die Jagd- und Tiermetaphorik (Ask und Kotir)
Gazelle und Taube stehen für Schnelligkeit, Scheu und Unschuld. Das „Springen von Hügel zu Hügel“ beschreibt das Spiel von Annäherung und Flucht: Der Liebende versucht, einen Kuss zu „stehlen“, doch die Geliebte entzieht sich ihm graziös.
6Der sakrale Zorn (Xuda deygirê)
Die Schlusszeile warnt jeden, der sie ansieht: „Zweifellos wird Gott ihn strafen“ – Ausdruck extremer Eifersucht und Exklusivität. Die Schönheit der Geliebten ist so gewaltig, dass sie für Fremde gefährlich ist: Wer sie sieht, ohne sie zu lieben, begeht einen Frevel.
7Fazit
Eine Hymne an die unbändige Lebensfreude und den Schmerz der Sehnsucht: Dörflicher Alltag und traditionelle Tracht werden zum universellen Drama über Liebe und Verlust. Schönheit ist eine Macht, die heilen – aber auch ins Exil treiben kann. In Zîreks Stimmgewalt ein unsterbliches Denkmal der kurdischen Seele.