📜 Dichter · 1882–1944

Sabirî (Şêx Necmedîn)

سابیری

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Überblick

Sabirî (bürgerlich Necmedîn) war ein bedeutender kurdischer Dichter und geistliches Oberhaupt des Qadiri-Sufi-Ordens aus der Region Kerkuk, der spätklassischen Schule zugerechnet. Sein Künstlername „Sabirî“ (von arab. Sabr, Geduld) war sein Lebensmotto.

Herkunft und familiärer Hintergrund

Sabirî wurde 1882 im Dorf Shôrîce (Region Qerehesen) geboren. Er entstammte der hochangesehenen Familie der Berzincî-Sayyids, die über Jahrhunderte das religiöse und soziale Leben Süd- und Ostkurdistans prägten; sein Vater war Şêx Ebdulrehman, ein direkter Nachfahre von Şêx Muhêdîn Qûle. Da in der Gesellschaft jener Zeit der Status eines „Şêx“ (spiritueller Führer) oft höher galt als der eines „Mela“, übernahm Sabirî das Erbe seiner Vorfahren und leitete die Qadiriyya-Tekye in seinem Heimatdorf Shôrîce.

Bildung und Lebensweg

Sabirî begann seine Ausbildung traditionell in einer Hujra, schloss die formale Mullah-Ausbildung jedoch nicht ab und widmete sich früh der Verwaltung des Familienbesitzes und der Führung seiner Murids. Trotz fehlender Mullah-Weihe war er hochgebildet und beherrschte die klassische kurdische, persische und arabische Literatur. Sein Leben verbrachte er größtenteils in Shôrîce, wo sein Dîwan (Gästehaus) ein Treffpunkt für Gelehrte, Stammesführer und Intellektuelle war.

Soziale und politische Kontakte

Sabirî war eine zentrale Figur in einem dichten Netzwerk kurdischer Persönlichkeiten. Zu seinen engen Freunden und Gästen zählten Şêx Mehmûdê Hefîd, der Anführer des kurdischen Widerstands und selbsternannte König von Kurdistan, sowie bedeutende Gelehrte wie Mela Ehmed Furqanî und Sayyid Ehmedê Xanqah. Sein Ansehen war so groß, dass er oft als Vermittler in sozialen Konflikten angerufen wurde.

Die schwere Zeit des Ersten Weltkriegs

Ein Wendepunkt war das Jahr 1917: Kurdistan litt unter einer verheerenden Hungersnot und wirtschaftlichem Kollaps (Giranî). Sabirî musste Shôrîce vorübergehend verlassen und mit seiner Familie ins Dorf Dêlêje ziehen, wo er Verwandte hatte. Diese Zeit der Entbehrung vertiefte seine spirituelle Melancholie und trieb ihn verstärkt zur Poesie, die ihm als Zuflucht vor den harten Realitäten der Welt diente.

Literarischer Stil: „Der Geduldige“

Sein Künstlername Sabirî leitet sich vom arabischen Sabr (Geduld) ab und spiegelt sein Lebensmotto: die Welt mit stoischer Ruhe und gottvertrauender Geduld zu ertragen. Seine Poesie ist stark von der Sehnsucht nach geistiger Ruhe und der Klage über die Vergänglichkeit geprägt; oft nutzt er koranisch-biblische Allegorien wie die Geduld Hiobs (Ayub) oder die Trauer Jakobs (Yaqub) um seinen Sohn Joseph und vergleicht sich mit Majnun (Qeysî ʿAmirî), dem Urbild des durch Liebe verwirrten Wanderers.

Lebensabend und Tod

In seinen letzten Jahren litt Sabirî an einer neurologischen Erkrankung (vermutlich Parkinson) mit starken Zitteranfällen (Lerzokî); dennoch wirkte er bis zuletzt als geistiges Oberhaupt seiner Gemeinde. Er starb am 9. Dezember 1944 in Shôrîce und wurde dort begraben. Sein Grab blieb über Jahrzehnte ein Ort, an dem seine Anhänger seiner Weisheit und seiner tiefen, geduldigen Poesie gedachten. Er war ein Brückenbauer zwischen klassischem Sufismus und kurdischer Poesie.

Identität und Schicksal

Sabirî reflektiert über seinen Namen, seine Geduld und seine Hoffnung – mit Anspielungen auf Majnun, Hiob und Jakob.

Soranî · Deutsch
شێواوم وێنەی قەیسی عامیری — ناوم نەجمەدین لەقەب سابیری
Ich bin verwirrt und irre umher, gleich dem Majnun (Qeys) vom Stamme ʿAmir; mein Name ist Necmedîn, mein Beiname aber Sabirî (der Geduldige).
ئومێدم وایە سەتتارولعوبووب — بداتە سابیر سەبرەکەی ئەیووب
Meine Hoffnung ist, dass der Verberger der Sünden (Gott) dem Sabirî die sprichwörtliche Geduld Hiobs schenken möge.
یا دڵی غەمگین بە وێنەی یەعقوب — عاقیبەت ڕۆژێ بگاتە مەتلووب
Oder dass mein kummervolles Herz, wie einst das Herz Jakobs, am Ende doch noch den Tag der Erfüllung seiner Sehnsucht erreicht.

Einordnung und Zeitgenossen

Zeitlich gehört Sabirî (1882 – 1944) in die Zeit der Presse und frühen Moderne (1898–1945), Region Başûr. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: Pîremêrd (Hacî Tofîq Beg), Narî (Mela Kake Hemey Bêlû), Zîwer (Abdullah Mela Rasul), Bêxud (Mela Mehmûdî Muftî). Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.