Überblick
Melay Gewre, mit bürgerlichem Namen Mihemedê Kurrê Şêx Ebdulla, war einer der bedeutendsten kurdischen Religionsgelehrten, Denker, Dichter und Sozialreformer des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Er entstammte der angesehenen Gelehrtenfamilie Jelîzade aus Koya; sein Beiname „Melay Gewre“ (Der große Mullah) zeugt nicht nur von tiefem religiösem Wissen, sondern vor allem von seinem mutigen Einsatz für Fortschritt, Bildung und soziale Gerechtigkeit.
Herkunft und Ausbildung
Melay Gewre wurde 1876 in Koya geboren. Sein Vater, ein bekannter Gelehrter, führte ihn früh in die klassischen Wissenschaften ein. Er absolvierte die traditionelle Hujra-Ausbildung, erlangte die Ijazah bei den namhaftesten Gelehrten seiner Zeit und beherrschte Kurdisch, Arabisch, Persisch und Türkisch meisterhaft.
Ein Reformer gegen den Strom
Was Melay Gewre von seinen Zeitgenossen unterschied, war sein moderner, rationaler Geist – er wandte sich entschieden gegen religiösen Fanatismus und Aberglauben. Er war leidenschaftlicher Verfechter der modernen Wissenschaft, denn ohne Bildung könne das kurdische Volk nicht überleben. In einer Zeit, in der die Bildung von Frauen fast undenkbar war, setzte er sich radikal für das Recht von Mädchen auf Schulbildung ein – als Vorbild schickte er seine eigene Tochter Baxçan als erstes Mädchen in Koya auf eine öffentliche Schule. Zudem kritisierte er die Unterdrückung der Bauern durch die Feudalherren (Aghas) und forderte eine gerechte Gesellschaftsordnung.
Politisches und öffentliches Wirken
Melay Gewre diente als Mufti (Rechtsgutachter) und Richter (Qazî) und war zeitweise Leiter der Stadtverwaltung von Koya. Als patriotischer Denker förderte er den kurdischen Nationalismus im Sinne der Aufklärung: Die Kurden sollten sich nicht in Stammesfehden verlieren, sondern sich durch Wissen und Einigkeit befreien.
Literarisches Erbe
Sein Werk umfasst theologische Abhandlungen, politische Schriften und eine bedeutende Gedichtsammlung. In seiner Lyrik verband er die Eleganz der klassischen Schule mit scharfer Gesellschaftskritik; sein Dîwanî Melay Gewre ist ein wertvolles Zeugnis der kurdischen Geistesgeschichte.
Tod und Vermächtnis
Melay Gewre verstarb 1943 in Koya – der Verlust eines der hellsten Köpfe Kurdistans. Er hinterließ eine intellektuelle Schule, die bis heute fortwirkt: In Koya wird er als der Mann verehrt, der die Fenster zur Moderne öffnete und bewies, dass Glaube und Wissenschaft, Tradition und Fortschritt kein Widerspruch sein müssen.
Wissen als Fundament der Freiheit
Melay Gewre betonte stets: Freiheit wird nur durch Wissen erlangt.
Einordnung und Zeitgenossen
Zeitlich gehört Melay Gewre (1876 – 1943) in die Zeit des nationalen Erwachens (ca. 1850–1898), Region Başûr. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: Pîremêrd (Hacî Tofîq Beg), Narî (Mela Kake Hemey Bêlû), Zîwer (Abdullah Mela Rasul), Safî Hîranî (Mustafa kurî Abdullah). Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.