Überblick
Mela Hesenê Dizlî war eine außergewöhnliche, rebellische Figur der kurdischen Geistesgeschichte – ein Mullah, der tiefes religiöses Wissen mit unerschütterlichem Stolz und ausgeprägtem Patriotismus verband und sich weigerte, vor den Mächtigen zu buckeln.
Herkunft und außergewöhnliche Ausbildung
Hesen wurde 1859 im Dorf Weysya in Hawraman in die angesehene Gelehrtenfamilie der Mardoxis geboren. Nach Studien in verschiedenen Regionen Kurdistans (u. a. Hewlêr/Erbil, Silêmanî und Barzan) führte ihn sein Weg nach Bagdad, wo er den Mufti von Bagdad so beeindruckte, dass dieser ihm ein Stipendium für die Al-Azhar-Universität in Kairo vermittelte. An der Al-Azhar verbrachte er insgesamt zwölf Jahre – drei als Student und neun als Dozent –, was ihn zu einem der bestausgebildeten kurdischen Gelehrten seiner Zeit machte.
Der Rebell und Nonkonformist
Trotz hoher Bildung und bester Kontakte kehrte er nach Hawraman zurück, um ein einfaches Leben in den Dörfern Dizlî und Hanayqul zu führen. Berühmt war er dafür, dass er sich den Stammesführern (Aẍas) und Landbesitzern (Xans) nicht unterordnete; er verachtete Schmeichelei und lebte lieber in Armut, als seine Integrität zu verkaufen. Anders als viele Zeitgenossen (etwa Mewlewî oder Mahwî) war er kein Anhänger der Sufi-Orden, sondern vertrat einen rationaleren, wissensbasierten Islam.
Literarisches Werk: „Hîjrî“
Mela Hesen schrieb unter dem Künstlernamen Hîjrî. Seine Poesie ist geprägt von schlagfertigem, sarkastischem Witz, von glühendem Patriotismus – er beklagte die Zerstörung Kurdistans durch die Großmächte und rief nach einem starken Anführer, der das Volk befreien könnte – und von Zweisprachigkeit, denn er verfasste Werke sowohl in Hewramî als auch in Soranî.
Vermächtnis
Mela Hesenê Dizlî starb 1946 im hohen Alter von 87 Jahren. Er hinterließ keine Kinder, aber eine Generation von Schülern, die seinen Mut und sein Wissen bewunderten. Heute gilt er als Vorbild des unabhängigen kurdischen Intellektuellen, der Bildung nicht als Mittel zum Aufstieg, sondern als Waffe für die Freiheit verstand; sein Grab in Dizlî ist ein Symbol für den ungebeugten Geist des Hawraman-Gebirges.
Der Stolz des freien Mannes
Dizlîs Lebensmotto: der Adler (Freiheit, Stolz) gegen die Krähe (Unterwürfigkeit) – er zieht die Armut der Knechtschaft vor.
Die politische Klage
Kritik an der Einmischung der Zentralmächte und Kolonialmächte; die Kurden seien friedlich und dennoch Opfer der Gewalt.
Einordnung und Zeitgenossen
Zeitlich gehört Mela Hesenê Dizlî (1859 – 1946) in die Zeit des nationalen Erwachens (ca. 1850–1898), Region Rojhelat. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: Jewherî (Hesen kurî Mela ʿEbdulła), Mela Marif Kokeyî, Mîrza Hesen Seyfulquzat, Mustafa Şewqî (Sohn von Qazî Letîf). Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.