📜 Dichter · 1875–1958

Jewherî (Hesen kurî Mela ʿEbdulła)

جەوهەری

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Überblick

Jewherî (bürgerlich Hesen, Sohn des Mela ʿEbdulła) war ein kurdischer Dichter und Geistlicher der späten Klassik, der vor allem in Mukriyan und Ardelan wirkte – der „Dichter der Askese und Trauer“.

Leben und Ausbildung

Hesen Jewherî wurde 1875 im Dorf Zardaru (Region Sardasht) geboren. Sein Leben war von der klassischen Feqê-Ausbildung geprägt, die ihn durch fast alle intellektuellen Zentren Kurdistans führte – von Mehabad und Saqqez bis Silêmanî, Hewlêr (Erbil) und Kerkuk. Seine Studien schloss er in der berühmten Darul-Ihsan-Moschee in Sine (Sanandaj) ab.

Spirituelle und persönliche Krisen

Jewherî war ein ergebener Murid der Nehrî-Scheichs aus Şemzînan, insbesondere von Şêx Abdullah Nehrî. Sein Leben nahm eine tragische Wendung, als sein einziger Sohn Mela ʿElî in jungen Jahren starb; dieser Verlust erschütterte ihn so tief, dass er sich fast vollständig von der Welt zurückzog und Trost in Isolation und Gebet suchte. Seine letzten Jahre verbrachte er in Armut und Bescheidenheit im Dorf Kuyreguiz nahe Saqqez, wo er 1958 starb.

Das literarische Werk

Anders als die großen Klassiker wie Nalî, die ein breites Themenspektrum (Erotik, Natur, Philosophie) abdeckten, ist Jewherîs Werk enger gefasst: religiöse Lobpreisung (Naʿt) zu Ehren des Propheten Muhammad, moralische Lehren und Ermahnungen, sowie mystische Hingabe an den Sufismus und die Nehrî-Scheichs. 1948 verfasste er zudem ein kurdisches Glaubensbekenntnis (ʿEqîde) und ein in Prosa geschriebenes Mewlûdname (Bericht über die Geburt des Propheten), das bis heute in Ostkurdistan gelesen wird.

Die Abkehr von der Welt

Ein Manifest dervischer Genügsamkeit – vollkommene Gleichgültigkeit gegenüber Politik und materiellem Besitz.

Soranî · Deutsch
نە حیزبی کۆمەڵە و توودە، نە پابەندی دیموکڕاتم — نە جوزوی نەھزەتی میللی، نە ئەربابی سیاساتم
Weder gehöre ich zur Komala- noch zur Tudeh-Partei, noch binde ich mich an die Demokraten; weder bin ich Teil der nationalen Bewegung, noch ein Herr der Politik.
لەسەر ئەم عەرزە پانە مالکی یەک بستە خاکێک نیم — عەمامە و خەرقە و بەرماڵە ئەسباب و موھیمماتم
Auf dieser weiten Erde besitze ich nicht eine Handbreit Boden; Turban, Derwischgewand und Gebetsteppich sind meine einzige Ausrüstung.
ئەمن پیرێکی حەفتاساڵە عومر و پێ لەسەر تابووت — ھەمیشە قەبر و کفن و مردنە فکر و خەیاڵاتم
Ich bin ein Greis von siebzig Jahren, ein Fuß steht schon auf dem Sarg; Grab, Leichentuch und Tod sind ständig in meinem Sinnen und Trachten.
لە حەد بانگم دەکا ئەی جەوهەری زوو وەختی ھاتنتە — لە جوابدا پێی دەڵێم تۆ مونتەزیر بە وا منیش ھاتم
Aus dem Jenseits ruft man mir zu: „O Jewherî, es ist Zeit für dich zu kommen!“ – in meiner Antwort sage ich: „Warte nur, ich bin schon auf dem Weg.“

Hintergrund & Bedeutung

  1. Religiöse Identität: Sein Stolz liegt nicht in Macht oder Landbesitz, sondern in seinen religiösen Symbolen – Turban, Gewand und Gebetsteppich.
  2. Memento Mori: Der Fokus auf den Tod ist typisch für die kurdische Sufi-Tradition – für ihn ist der Tod kein Ende, sondern eine Heimkehr, auf die er sich freut.
  3. Zeitkontext: Geschrieben in einer Zeit politischer Umbrüche (Gründung von Parteien wie der Demokratischen Partei Kurdistans und der Tudeh-Partei), von denen er sich bewusst absetzt.

Einordnung und Zeitgenossen

Zeitlich gehört Jewherî (1875 – 1958) in die Zeit des nationalen Erwachens (ca. 1850–1898), Region Rojhelat. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: Mela Hesenê Dizlî (Hîjrî), Mela Marif Kokeyî, Mîrza Hesen Seyfulquzat, Aẍa ʿInayet (Hîdayetî). Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.