Überblick
Mîrza ʿEbdulqadir – bekannt als Mahzûnê Paweyî – ist einer der brillantesten Vertreter der klassischen kurdischen Literatur im Hewramî-Dialekt (Gorani); er lebte in einer Zeit politischen Umbruchs und kulturellen Austauschs zwischen Osmanischem Reich und Persien.
Leben und Ausbildung
Mahzûn wurde 1850 in der Stadt Pawe (im heutigen iranischen Teil Kurdistans) geboren; sein Vater Kwêxa Muhemmed gehörte zur lokalen Führungsschicht. Einen Großteil seines Lebens verbrachte er auf Reisen und durchwanderte weite Teile des heutigen Irak und der Türkei – diese Reisen waren seine „Universität“: Er lernte fließend Arabisch, Türkisch und Persisch und verwob deren Einflüsse in seine kurdischen Werke. Trotz seines Wissens und Rufs war sein Leben von Armut und den Entbehrungen eines Reisenden geprägt; er starb 1910 mit 62 Jahren in Kirmaşan.
Seine bedeutendsten Werke
Mahzûn war Meister darin, politische Ereignisse in symbolische Epen zu verwandeln. Sein international bekanntestes Werk, Cengnamey Kole û Aynamale (Das Epos von Heuschrecken und Staren), wurde 1943 vom Orientalisten Vladimir Minorsky veröffentlicht: In einer Fabel über einen osmanisch-persischen Krieg nahe Pawe erscheinen die Osmanen als zerstörerische Heuschrecken (Kole), die Verteidiger als Stare (Aynamale). In Pirs û Wełamu Asman û Zemîn (Dialog zwischen Himmel und Erde) behandelt er existenzielle Fragen als Streitgespräch kosmischer Mächte, und in Meznawî Şemał (Das Epos des Nordwinds) besingt er voller Sehnsucht seine Heimat Pawe als schönsten Ort der Welt.
Das Gedicht „Sawqat“ (Das Mitbringsel)
Berühmt für ein virtuoses Wortspiel mit dem Pronomen „To“ (Du) und dem kurdischen Begriff „To-to“ (Schicht für Schicht). Es liegt nur die deutsche Übertragung vor:
„Das Süßeste unter Freunden sind Gebet und Gruß, das wahre Mitbringsel für Liebende sind Brief und Nachricht. Der Nektar der Zuneigung unter Gefährten schmeckt süßer als alle Leckereien der Städte. Mein Konfekt und meine Süße ist die Erzählung deines Briefes, mein Geschenk und mein Segen jede Zeile deiner Zeilen. […] Mein Innerstes ist verwundet durch die Klinge deiner Ferne – oh, Erde auf mein Haupt! Wozu brauche ich Mitbringsel? So komm, du mein Augenlicht, furchtlos und ohne Kummer, und trenne die Schichten (To-to) meines Innersten voneinander. Durchsuche die Schichten meines Herzens gründlich, und wenn du darin eine Schicht (Toyê) entdeckst, die nicht Du (To) bist – um Gottes willen, zieh sie heraus wie dich selbst und zerfetze sie mit den Pfeilen deiner Wimpern in tausend Stücke. Mahzûn, solange er dich hat, ist die Welt ihm nütze; ohne dich ist sein Leben wie das Gift einer Schlange.“
Hintergrund & Bedeutung
- Das Wortspiel mit „To“: Mahzûn nutzt die phonetische Identität von „To“ (Du) und „To-to“ (Schichten). Er fordert die Geliebte auf, sein Herz Schicht für Schicht zu prüfen – findet sich darin etwas anderes als das „Du“, soll sie es vernichten: ein Gipfelpunkt der absoluten Seelen-Monogamie in der kurdischen Liebeslyrik.
- Kritik an der Materialität: Für den Intellektuellen und Liebenden zählt nicht das materielle Mitbringsel (Sawqat), sondern allein die geistige Verbindung – Briefe und Worte.
- Bezug zum Sufismus: Die Auslöschung alles Nicht-Geliebten spiegelt das Konzept von Fana wider – die Auflösung des Egos in der Wahrheit.
Einordnung und Zeitgenossen
Zeitlich gehört Mîrza ʿEbdulqadir – Mahzûnê Paweyî (1850 – 1910) in die Zeit des nationalen Erwachens (ca. 1850–1898), Region Rojhelat. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: Şêx Ehmedê Korê Mukriyanî, Wafayî (Mîrza ʿEbdurrehîm Sablaẍî), Jîhan Ara Xanima Paweyî, Mela Hesenê Dizlî (Hîjrî). Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.