Xaloy Rêbwar – Kakî Cûtyar (Der Bauer und der Wanderer) – Hesen Zîrek

Ein Musterbeispiel der kurdischen Agrarfolklore: Hesen Zîrek (1921–1972) erzählt im Dialog zwischen einem Bauern (cûtyar) und einem Wanderer (rêbwar) von Arbeit, Gastfreundschaft, Heimatliebe und Schicksal – der Segen für die Ernte trifft auf die melancholische Suche des Fremden nach seinem Ziel. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Xaloy RêbwarHesen Zîrek
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DeutschSoranî
Strophe 1 · Der Segen
O Bruder Bauer, mein Bruder – möge dein Gespann [cût] gesegnet sein,
هۆ کاکی جووتیار براکەم جووتت شەنگوڵ بێ
Ho kakî cûtyar birakem cûtit şengul bê
deine Saat sei wie Anis [razyane], ach, und deine Ernte wie Blumen.
تووەکەت ڕازیانە ئەی وەی خەرمانت گوڵ بێ
Tuweket razyane ey wey xermanit gul bê
[Antwort:] O Bruder Wanderer – mein Weg führt ins Hochland,
ڕێو کاکی ڕێبوار وەی وەی ڕێگام کوێستانە
Rêw kakî rêbwar wey wey rêgam kwêstane
ich gehe nach Bokan – ach, die Rose ist für mich im Iran.
دەچم بۆ بۆکان ئەی وەی گوڵ لە عێرانە
Deçim bo bokan ey wey gul le ’êrane
Strophe 2 · Der müde Gast
O Bruder Bauer, mein Bruder – lass die Arbeit ruhen,
وەی کاکی جووتیار براکەم جووت بکە بەتاڵ
Wey kakî cûtyar birakem cût bike betal
ich bin dein Gast, ich bin müde – lass uns gemeinsam nach Hause gehen.
میوانتم ماندووم ئەی وەی با بڕۆین بەرەو ماڵ
Mîwantim mandûm ey wey ba biroyn berew mal
[Antwort:] O Herrin Wanderin – ich kenne den Weg nicht,
ڕێو خانمی ڕێبوار ئەی وەی ڕێگا نازانم
Rêw xanmî rêbwar ey wey rêga nazanim
zeig mir den Pfad – bei Gott, ich bin ein Fremder aus dem Iran.
ڕێم پێ نیشان دە وەڵا خەڵکی عێرانم
Rêm pê nîşan de wela xelkî ’êranim
Strophe 3 · Korn und Ernte
O Bruder Bauer, mein Bruder – möge dein Gespann tüchtig sein,
وەی کاکی جووتیار براکەم جووتت بەکار بێ
Wey kakî cûtyar birakem cûtit bekar bê
dein Korn und deine Ernte, o Herr, mögen gesegnet sein.
خەلە و خەرمانت یا ڕەب بەرەکەتدار بێ
Xele û xermanit ya reb bereketdar bê
[Antwort:] O Herrin Wanderin – mein Weg führt durch das Tal,
ڕێو خانمی ڕێبوار ئەی وەی ڕێم کەوتە دۆڵێ
Rêw xanmî rêbwar ey wey rêm kewte dolê
ich bin in Not geraten – was soll ich tun? Sie trägt ihr Tuch auf der Schulter. [sinngemäß]
تووشم بوو بە تووش چی بکەم هەوری لە کۆڵێ
Tûşim bû be tûş çî bikem hewrî le kolê
Strophe 4 · Die goldenen Ochsen
O Bruder Bauer, mein Neffe – deine Ochsen sind so kräftig [goldgelb],
هۆ کاکی جووتیار برازا گاکانت زەردە
Ho kakî cûtyar biraza gakanit zerde
du pflügst dort jene Berge und jene weiten Ebenen.
بەجێ دەیکێڵی هاوار ئەو کێو و هەردە
Becê deykêlî hawar ew kêw û herde
[Antwort:] O Onkel Wanderer – ich kenne den Weg nicht,
ڕێو خاڵۆی ڕێبوار ئەی وەی ڕێگا نازانم
Rêw xaloy rêbwar ey wey rêga nazanim
zeig mir den Pfad, o Herrin – ich stamme aus Bokan.
ڕێم پێ نیشان دە خانم خەڵکی بۆکانم
Rêm pê nîşan de xanim xelkî bokanim
Maqam · Das Geheimnis
Ein Geheimnis ruht in meinem Herzen – spreche ich es aus, verbrennt meine Zunge.
سڕێک وا لە دڵما بیڵێم زمان ئەسووتێ
Sirêk wa le dilma bîlêm ziman esûtê
Verberge ich es und schweige, so verbrennen mir Mark und Bein.
بیشارمەوە و نەیبێژم مێشک و ئێسقان ئەسووتێ
Bîşarmewe û neybêjim mêşk û êsqan esûtê
Wenn der Astrologe [minecûm] meinen Stern am Firmament erschiene,
ئەستێرەم منەجووم گەر لە بورجێدا وەدەرخا
Estêrem minecûm ger le burcêda wederxa
würde in der Hitze meines Seufzens und Klagens der gesamte Himmel in Flammen aufgehen.
لە تاوی ئاه و ناڵەم حەو ئاسمان دەسووتێ
Le tawî ah û nalem hew asman desûtê

Anmerkung: Ein Dialoglied: Segensstrophen an den Bauern und Antworten des Wanderers wechseln sich ab; die Anreden (Bruder, Neffe, Onkel, Herrin) variieren je nach Vortrag. Mit [sinngemäß] markierte Zeilen sind freier übertragen.

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
جووتیارcûtyarBauer, Pflüger
جووتcûtOchsengespann, Pflug
ڕێبوارrêbwarWanderer, Reisender
خەرمانxermanErnte, Erntehaufen
ڕازیانەrazyaneAnis, Fenchel
بەرەکەتدارbereketdargesegnet, ertragreich
خەلەxeleGetreide
گاgaOchse
هەردherdEbene, Erdland
منەجوومminecûmAstrologe
بورجburcSternbild, Firmament
سڕsirGeheimnis
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Die Heiligkeit der Arbeit (Cût û Xerman)

Rituelle Segenswünsche für den Bauern: Feldarbeit gilt im kurdischen Denken als heilige Tätigkeit. Bereketdar (gesegnet), die Ernte wie Blumen oder Anis – der harte Alltag des Landlebens wird geadelt, die tiefe Verbundenheit mit dem Boden sichtbar.

2
Die Figur des Wanderers (Rêbwar)

Der Wanderer symbolisiert den Menschen im Exil oder auf Identitätssuche: Während der Bauer verwurzelt ist, ist der Wanderer orientierungslos (rêga nazanim) – die Begegnung als Metapher für den Kontrast zwischen Stabilität und Rastlosigkeit.

3
Geografische Identität: Bokan und der Iran

Der Verweis auf Bokan und den Iran dokumentiert die politische Teilung Kurdistans: Der Wanderer kommt aus einem Teil des Landes in den anderen und fühlt sich dennoch fremd. Die „Rose im Iran“ – die zurückgelassene Geliebte oder die verlorene Heimat.

4
Die Ästhetik des Alltags

Die „goldgelben“ Ochsen als Zeichen von Kraft und Gesundheit; Pflug, Getreide, das Tuch auf der Schulter – Details, die Authentizität und ländliche Würde erzeugen.

5
Das zerstörerische Geheimnis (Maqam)

Sprechen verbrennt die Zunge, Schweigen verbrennt das Mark: das unlösbare Paradoxon des kurdischen Schicksals – das Leid ist zu groß für Worte und zu schwer für das Schweigen. Der brennende Himmel hebt den Schmerz auf eine kosmische Ebene.

6
Hesen Zîreks Interpretation

Eine rhythmische Präzision, die an den Takt des Pflügens erinnert; die typische Dialektmischung schlägt Brücken zwischen den kurdischen Regionen – Erschöpfung des Wanderers und Optimismus des Bauern werden gleichermaßen spürbar.

7
Fazit

Eine Hymne an die kurdische Erde und das menschliche Herz: Heimat ist, wo man pflügt und sät – doch das Herz des Wanderers zieht dorthin, wo das „Geheimnis der Liebe“ verborgen liegt. Der Segen der Arbeit und der Fluch der Sehnsucht in einem Lied.