Le Dawênî Çiyay Jîna (Am Fuße des Berges des Lebens) – Zahir Jalal · Text: Ali Arif Agha

Ein tiefgründiges, melancholisches Werk der kurdischen Literatur und Musik: Der Text stammt von dem Dichter Ali Arif Agha, unsterblich gemacht durch die gefühlvolle Stimme von Zahir Jalal – ein Meisterwerk des kurdischen Existentialismus im Stil des Maqam. Die Hawar-Umschrift wurde von der Akademie ergänzt.

Le Dawênî Çiyay JînaZahir Jalal
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DeutschSoranî
Strophe 1 · Der Vertriebene am Berg
Am Fuße des Berges des Lebens stehe ich, ein Vertriebener.
لە داوێنی چیای ژینا منی ئاوارە وەستاوم
Le dawênî çiyay jîna minî aware westawm
Ich möchte den Gipfel erklimmen, doch ich bin kraftlos und hilflos.
ئەمەوێت سەرکەوم بۆ کەل بەڵام بێ هێز و داماوم
Emewêt serkewim bo kel belam bê hêz û damawm
Wenn ich einen Schritt wage, verweigert mir der zweite den Dienst.
کە هەنگاوێ دەنێم هەنگاو دووهەم یاریدەم ناکا
Ke hengawê denêm hengawî dûhem yarîdem naka
Es gibt keine Hoffnung auf Erfolg – denn meine Schritte haben keine Kraft mehr.
نییە ئومێدی سەرکەوتن لەبەر کەم تینی هەنگاوم
Nîye umêdî serkewtin leber kem tînî hengawm
Strophe 2 · Das Staunen des Überlebens
Ein zerrüttetes Leben, ganz und gar vom Schmerz begleitet.
ژیانێکی پەرێشانی سەراپا هاودەمی ژانە
Jiyanêkî perêşanî serapa hawdemî jane
Ich staune über diesen Zustand – wie ich bis jetzt überlebt habe.
سەرم سوڕماوە بەم حاڵە هەتا ئێستا کە چۆن ماوم
Serim surmawe bem hale heta êsta ke çon mawm
Wenn ich einen Schritt wage, verweigert mir der zweite den Dienst.
کە هەنگاوێ دەنێم هەنگاو دووهەم یاریدەم ناکا
Ke hengawê denêm hengawî dûhem yarîdem naka
Es gibt keine Hoffnung auf Erfolg – denn meine Schritte haben keine Kraft mehr.
نییە ئومێدی سەرکەوتن لەبەر کەم تینی هەنگاوم
Nîye umêdî serkewtin leber kem tînî hengawm
Strophe 3 · Die öde Wüste
In der öden Wüste des Unbehagens gibt es keinen Gleichgesinnten, keinen Vertrauten.
لە دەشتی چۆڵی ناخۆشا نییە هاودەنگ و هاوڕازێ
Le deştî çolî naxoşa nîye hawdeng û hawrazê
Ich wandle wie ein Betrunkener – der Pfad der Hoffnung liegt fern von meinen Augen.
ئەڕۆم مەستانە ڕێبازی هیوا دوورە لەبەر چاوم
Erom mestane rêbazî hîwa dûre leber çawm
Wenn ich einen Schritt wage, verweigert mir der zweite den Dienst.
کە هەنگاوێ دەنێم هەنگاو دووهەم یاریدەم ناکا
Ke hengawê denêm hengawî dûhem yarîdem naka
Es gibt keine Hoffnung auf Erfolg – denn meine Schritte haben keine Kraft mehr.
نییە ئومێدی سەرکەوتن لەبەر کەم تینی هەنگاوم
Nîye umêdî serkewtin leber kem tînî hengawm

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
داوێنdawênSaum, Fuß (des Berges)
کەلkelGipfel, Pass
ئاوارەawarevertrieben, heimatlos
داماوdamawhilflos, elend
تینtînKraft, Glut
هاوڕازhawrazVertrauter, Geheimnisgefährte
پەرێشانperêşanzerrüttet, verwirrt
مەستانەmestanewie ein Berauschter, taumelnd
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Der Berg des Lebens (Çiyay Jîna)

In der kurdischen Literatur stehen Berge meist für Widerstand, Freiheit und Zuflucht – hier aber wird der Berg zur existenziellen Herausforderung: Das Leben als mühsamer Aufstieg. Der Sprecher steht am „Fuß“ (dawên) und sieht den Gipfel (kel) – erreichen kann er ihn nicht.

2
Erschöpfung und Entfremdung

„Wenn ich einen Schritt wage, verweigert mir der zweite den Dienst“ – eine starke psychologische Beschreibung tiefer Hoffnungslosigkeit: Jeder Versuch scheitert an der inneren Leere. Das „aware“ (Vertriebener) ist doppelt lesbar – politisch als kurdisches Schicksal, existentiell als Fremdheit im eigenen Leben.

3
Raum und Einsamkeit

In Strophe 3 wechselt das Bild zur „öden Wüste“: keine gleiche Stimme (hawdeng), kein Vertrauter (hawraz). Das „mestane“ (wie ein Betrunkener) steht nicht für Freude, sondern für den Verlust der Orientierung – das Taumeln in einem sinnlosen Raum.

4
Tonfall und Stimmung

Pessimistisch und klagend, doch mit stoischer Note: Es geht nicht um den Tod, sondern um das Erstaunen, trotz des unerträglichen Schmerzes noch am Leben zu sein („heta êsta ke çon mawm“).

5
Zahir Jalals Interpretation

Im Stil des Maqam und der langsamen Ballade verleiht Zahir Jalals Stimme den Worten zusätzliche Schwere – ein Lied, das man hört, wenn man über die Lasten des Schicksals (felek) nachdenkt.

6
Fazit

Ein Meisterwerk des kurdischen Existentialismus: Der Wille ist da („Ich möchte den Gipfel erklimmen“), doch Seele und Körper sind vom Leid erschöpft – die kollektive Melancholie einer Generation zwischen Hoffnung und Erschöpfung.