Kulence Rê Rê (Das gestreifte Kleidchen) – Ibrahim Xeyat

Ein Klassiker der kurdischen Folklore im Soranî-Dialekt, tief in der Kultur der Regionen Slemanî und Mariwan verwurzelt: ein intensiver Dialog zwischen dem Liebenden und seinem Schicksal – das gestreifte Wams (kulence) als Ankerpunkt einer Geschichte über Sehnsucht, Exil und radikale Hingabe, gesungen mit Xeyats charakteristischer, sanfter Melancholie. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Kulence Rê RêIbrahim Xeyat
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DeutschSoranî
🔁 Refrain
O du mit dem gestreiften Kleidchen, steh auf, es ist Morgen,
هۆ کوڵەنجە ڕێ ڕێ هەستە بەیانە
Ho kulence rê rê heste beyane
bis wir uns endlich wiedersehen, vergeht eine Ewigkeit [Axirzeman].
تا بەیەک دەگەین ئەی هاوار ئاخر زەمانە
Ta beyek degeyn ey hawar axir zemane
Strophe 1 · Haus und Herz
Das Haus ist in Mariwan, das Herz bei den Derwischen,
ماڵ لە مەریوان ئەی هاوار دڵ لە دەروێشان
Mal le merîwan ey hawar dil le derwêşan
es ist besser zu sterben, als ständig vor Sehnsucht zu seufzen.
مردن خۆشترە ئەی هاوار لە ئاخ هەڵکێشان
Mirdin xoştire ey hawar le ax helkêşan
Strophe 2 · Himmel und Hölle
Ich wünschte, in dieser Welt hätten sie dich mir gegeben,
خۆزگە لەم دنیا ئەی هاوار تۆیان ئەدا پێم
Xozge lem dinya ey hawar toyan eda pêm
dann wäre es mir gleich, wenn im Jenseits die Hölle mein Platz wäre.
چش با لەو دنیا ئەی هاوار دۆزەخ بوایە جێم
Çiş ba lew dinya ey hawar dozex bwaye cêm
Strophe 3 · Die Angst vor der Fremde
Ich fürchte zu sterben und diesen brennenden Wunsch im Herzen zu tragen,
ئەترسم بمرم ئەی هاوار داخ لە دڵم بێ
Etirsim bimirim ey hawar dax le dilim bê
ich fürchte, dass der Boden der Fremde [Xerîbî] mein Grab [mein Lehm] wird.
خاکی غەریبی ئەی هاوار ئاو و گڵم بێ
Xakî xerîbî ey hawar aw û gilim bê
Strophe 4 · Der Wunsch
Möge niemandem ein solches Unglück widerfahren wie mir,
هیچکەس وەکوو من ئەی هاوار نەکەوێ کۆستی
Hîçkes wekû min ey hawar nekewê kostî
dass er vergeblich dem Ruf der Heimat seiner Liebsten nachjagt.
نەڕوا لە شوێنی ئەی هاوار هەواری دۆستی
Nerwa le şwênî ey hawar hewarî dostî

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
کوڵەنجەkulencekurdisches Samtwams, Jäckchen
ڕێ ڕێrê rêgestreift
ئاخر زەمانaxir zemanEnde der Zeiten, Ewigkeit
دەروێشderwêşDerwisch
دۆزەخdozexHölle
داخdaxBrandmal; unerfüllter Wunsch
خاکی غەریبیxakî xerîbîBoden der Fremde
کۆستkostUnglück, schwerer Verlust
هەوارhewarSommerlager, Heimstatt
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Das Gewand als Identitätsmerkmal (Kulince)

Die Anrede gilt der kulence – dem traditionellen, oft reich verzierten Samtwams; rê rê bezeichnet das Streifenmuster. In der kurdischen Poetik steht das Kleidungsstück metonymisch für die Trägerin selbst: ein Bild von Authentizität und ländlicher Schönheit.

2
Die Geografie des Schmerzes (Mariwan und die Derwische)

Das Haus in Mariwan, das Herz „bei den Derwischen“: spirituelle Entsagung, soziales Außenseitertum. Der Liebende gehört nicht mehr zur normalen Welt; sein Schmerz rückt ihn in die Nähe derer, die der Welt entsagt haben – die Zerrissenheit zwischen physischem Ort und Ort des Herzens.

3
Das Paradoxon von Himmel und Hölle

Die radikalste Aussage: Der Liebende nähme die Ewigkeit in der Hölle (dozex) in Kauf, wäre er nur im Diesseits mit der Geliebten vereint – das klassische Motiv, das die weltliche Liebe über die religiöse Erlösung hebt: totale, fast blasphemische Hingabe.

4
Die Angst vor dem „Tod in der Fremde“ (Xerîbî)

Ein zentrales Trauma der kurdischen Literatur: das Sterben im Exil. Der Dichter fürchtet, dass sein Körper eins mit dem „Boden der Fremde“ wird, statt in der Heimaterde zu ruhen. Das dax im Herzen ist die Angst, die Geschichte der Liebe unvollendet zu lassen.

5
Die Dehnung der Zeit (Axirzeman)

Das „Ende der Zeiten“ als Zeitmaß des Wartens: Die Trennung von der Geliebten wird als kosmische Katastrophe empfunden – die Zeit bis zum nächsten Treffen erscheint nicht als Stunden oder Tage, sondern als unendliche Epoche des Leidens.

6
Fazit

Ein Zeugnis der emotionalen Radikalität kurdischer Folklore: die Schönheit der Tracht und der Heimat (Mariwan) verbunden mit existenziellen Ängsten vor Exil und Tod. Xeyat singt es nicht als fröhliches Tanzlied, sondern betont den klagenden Charakter – die volkstümliche Weise wird zur universellen Meditation über Verlust und Sehnsucht.