Kulence Rê Rê (Das gestreifte Kleidchen) – Ibrahim Xeyat
Ein Klassiker der kurdischen Folklore im Soranî-Dialekt, tief in der Kultur der Regionen Slemanî und Mariwan verwurzelt: ein intensiver Dialog zwischen dem Liebenden und seinem Schicksal – das gestreifte Wams (kulence) als Ankerpunkt einer Geschichte über Sehnsucht, Exil und radikale Hingabe, gesungen mit Xeyats charakteristischer, sanfter Melancholie. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.
Kurzes Vokabular
| Kurdisch | Umschrift | Bedeutung |
|---|---|---|
| کوڵەنجە | kulence | kurdisches Samtwams, Jäckchen |
| ڕێ ڕێ | rê rê | gestreift |
| ئاخر زەمان | axir zeman | Ende der Zeiten, Ewigkeit |
| دەروێش | derwêş | Derwisch |
| دۆزەخ | dozex | Hölle |
| داخ | dax | Brandmal; unerfüllter Wunsch |
| خاکی غەریبی | xakî xerîbî | Boden der Fremde |
| کۆست | kost | Unglück, schwerer Verlust |
| هەوار | hewar | Sommerlager, Heimstatt |
Literarische Analyse
Die Anrede gilt der kulence – dem traditionellen, oft reich verzierten Samtwams; rê rê bezeichnet das Streifenmuster. In der kurdischen Poetik steht das Kleidungsstück metonymisch für die Trägerin selbst: ein Bild von Authentizität und ländlicher Schönheit.
Das Haus in Mariwan, das Herz „bei den Derwischen“: spirituelle Entsagung, soziales Außenseitertum. Der Liebende gehört nicht mehr zur normalen Welt; sein Schmerz rückt ihn in die Nähe derer, die der Welt entsagt haben – die Zerrissenheit zwischen physischem Ort und Ort des Herzens.
Die radikalste Aussage: Der Liebende nähme die Ewigkeit in der Hölle (dozex) in Kauf, wäre er nur im Diesseits mit der Geliebten vereint – das klassische Motiv, das die weltliche Liebe über die religiöse Erlösung hebt: totale, fast blasphemische Hingabe.
Ein zentrales Trauma der kurdischen Literatur: das Sterben im Exil. Der Dichter fürchtet, dass sein Körper eins mit dem „Boden der Fremde“ wird, statt in der Heimaterde zu ruhen. Das dax im Herzen ist die Angst, die Geschichte der Liebe unvollendet zu lassen.
Das „Ende der Zeiten“ als Zeitmaß des Wartens: Die Trennung von der Geliebten wird als kosmische Katastrophe empfunden – die Zeit bis zum nächsten Treffen erscheint nicht als Stunden oder Tage, sondern als unendliche Epoche des Leidens.
Ein Zeugnis der emotionalen Radikalität kurdischer Folklore: die Schönheit der Tracht und der Heimat (Mariwan) verbunden mit existenziellen Ängsten vor Exil und Tod. Xeyat singt es nicht als fröhliches Tanzlied, sondern betont den klagenden Charakter – die volkstümliche Weise wird zur universellen Meditation über Verlust und Sehnsucht.
