Firîştey Mosîqa – Be Rengî Zerd (Die Flöte des Derwischs) – Es’ed Qeredaxî · Text: Ahmed Hardi

Eine Hommage an eine reale historische Figur: den legendären kurdischen Flötenspieler Derwêş Ebdulla. Ahmed Hardi schrieb diese Verse, um die Tiefe kurdischer Volkskunst und das tragische Schicksal des verkannten Künstlers zu ehren; Es’ed Qeredaxîs klarer, fast sakraler Gesang macht daraus ein Denkmal kurdischer Kultur. Kleingedruckt: Hawar-Umschrift.

Firîştey MosîqaEs’ed Qeredaxî
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DeutschSoranî
Strophe 1 · Das Standbild der Sehnsucht (🔁 auch Schluss)
Mit deinem blassen Antlitz, der Haltung deiner Hände und deiner wehmütigen Flöte, o Derwisch,
بە ڕەنگی زەرد و شێوەی دەست و شمشاڵی کزا دەروێش
Be rengî zerd û şêwey dest û şimşalî kiza derwêş
verspürte ich den Wunsch, eine Weise zu hören, die ganz aus Gram und Trauer besteht.
حەزم کرد بەستەیەک ببیەم سەراسەر حوزن و ماتەم بێ
Hezim kird besteyek bibyem seraser huzn û matem bê
In deinen Zügen erblickte ich das Standbild eines Lebens voller Sehnsucht;
لە سیماتا بەدیم کرد هەیکەلی عومرێکی حەسرەتکێش
Le sîmata bedîm kird heykelî omrêkî hesretkêş
es scheint, als wäre dein Schicksal das Nest der Nachtigall des Kummers geworden.
وەها دیارە کە بەختت ئاشیانی بولبولی خەم بێ
Weha diyare ke bextit aşiyanî bulbulî xem bê
Strophe 2 · Der Mond im trüben Teich
Wahrhaftig, in einem einfachen Volke gleicht der Wert eines Künstlers
بەڵێ دیارە لەناو قەومی بەسیتا قەدری سنعەتکار
Belê diyare lenaw qewmî besîta qedrî sinetkar
dem Spiegelbild des Mondes in einem trüben, schlammigen Teich.
وەکوو عەکسی قەمەر وایە لەناو حەوزێکی لیخندا
Wekû eksî qemer waye lenaw hewzêkî lîxinda
Doch ein waches, erleuchtetes Volk würde einen Thron des Wohlstands und die Krone der Ehre
بەڵام تەختی ڕوفاهـ و تاجی حورمەت میللەتی هوشیار
Belam textî rufah û tacî hurmet mîletî huşyar
einem Meister wie dir geben, der dieser durchlöcherten Flöte Leben einhaucht.
بە ئوستادێ ئەدا وەک تۆ لەناو شمشاڵی کونکوندا
Be ustadê eda wek to lenaw şimşalî kunkunda
Strophe 3 · Das intuitive Genie
Du hast keinen Buchstaben in einer Schule gelernt, kein Lehrer hat dich an der Hand geführt;
نە حەرفی مەکتەبێکت خوێند، نە ئوستادێ پەلی گرتی
Ne herfî mektebêkt xwênd, ne ustadê pelî girtî
allein die Größe deiner Genialität hat dich diese Kunst an deiner Flöte gelehrt.
سیرف بەرزیی زەکا ئەم سنعەتەی فێر کرد بە شمشاڵت
Sîrf berzîy zeka em sinetey fêr kird be şimşalit
Jedes Maß eines Liedes, ob lang oder kurz,
هەموو وەزنێکی گۆرانی، لە توولانی هەتا کورتی
Hemû weznêkî goranî, le tûlanî heta kurtî
hast du mit den Fingerspitzen deiner Kunst in die Gefangenschaft deines Schoßes gezwungen.
بە سەرپەنجەی هونەر کردت بە دیلی کۆششی زاڵت
Be serpencey huner kirdit be dîlî koşî zalit
Strophe 4 · Der Ruf nach der eigenen Musik
Ich habe so viel von der Musik und dem Aufruhr fremder Seelen gehört,
ئەوەندەم بیست لە مۆسیقا خرۆشی ڕۆحی بێگانە
Ewendem bîst le mosîqa xiroşî rohî bêgane
dass mein kurdisches Wesen [Gemüt] aus dem Gleichgewicht geraten ist, o Derwisch Ebdulla.
میزاجی کوردەواریم تێک چووە ئەی دەروێش عەبدوڵڵا
Mîzacî kurdewarîm têk çuwe ey derwêş Ebdula
Ich flehe dich an, bei jenen Lawk-, Ay-Ay- und Heyran-Gesängen:
دەخیلت بم دەسا بەو لاوک و ئای ئای و حەیرانە
Dexîlit bim desa bew Lawk û ay ay û Heyrane
Fülle mein trauriges und leeres Inneres mit den Wellen unserer nationalen Freude!
شەپۆلی زەوقی میللی پڕ دەروونی مات و چۆڵم کە
Şepolî zewqî mîlî pir derûnî mat û çolim ke

Anmerkung: Dichtung: Ahmed Hardi – eine Hommage an den legendären Flötenspieler Derwêş Ebdulla.

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
شمشاڵşimşalkurdische Hirtenflöte
دەروێشderwêşDerwisch
ڕەنگی زەردrengî zerdblasses (gelbes) Antlitz
بەستەbesteWeise, Melodie
هەیکەلheykelStandbild
قەدری سنعەتکارqedrî sinetkarder Wert des Künstlers
میللەتی هوشیارmîletî huşyarwaches, erleuchtetes Volk
زەکاzekaGenialität, Intelligenz
لاوک و حەیرانLawk û Heyranarchaische kurdische Gesangsformen
کوردەواریkurdewarîkurdisches Wesen, kurdische Lebenswelt
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Die Physiognomie des Leidens (Rengî zerd)

Die „blasse Farbe“ ist in der kurdischen Poetik ein Zeichen für tiefen inneren Schmerz und Askese. Der Derwisch als „Standbild der Sehnsucht“ (heykelî hesretkêş): Seine Erscheinung ist das Ergebnis eines Lebens, das ganz dem Schmerz gewidmet war. Wahre Kunst, lehrt Hardi, wird oft aus tiefer existenzieller Not geboren.

2
Die gesellschaftskritische Metapher (Der schlammige Teich)

Der Künstler gleicht dem Mondlicht in einem trüben Teich: Der Teich ist die ungebildete, geistig „trübe“ Gesellschaft; der Mond ist vorhanden und schön, aber sein Bild wird verzerrt. Hardi kritisiert bitter die Geringschätzung von Talent und fordert eine „wache Nation“ (mîletî huşyar), die den Künstler als höchste moralische Instanz ehrt.

3
Das intuitive Genie (Zeka)

Derwêş Ebdulla war Autodidakt – keine Schule, kein Lehrer. Seine Meisterschaft an der Şimşal entspringt allein seiner natürlichen Intelligenz und Verbundenheit mit der kurdischen Erde. Die „durchlöcherte Flöte“ symbolisiert das einfache, arme Material, das erst durch den Geist des Meisters zum göttlichen Instrument wird.

4
Kultureller Widerstand und Identität

Die vierte Strophe wird hochpolitisch: Klage über die Entfremdung durch „fremde Musik“ (mosîqay bêgane). Die Rettung liegt in den klassischen kurdischen Genres – Lawk, Heyran, Ay-Ay –, den archaischen Gesangsformen, die als Heilmittel für eine „leere und matte“ Seele erscheinen. Der Derwisch ist der Hüter dieser nationalen Quelle.

5
Die Interpretation durch Es’ed Qeredaxî

Es’ed Qeredaxî, selbst ein Gelehrter der kurdischen Musik, singt das Werk mit einer Würde, die an ein Gebet erinnert. Der Maqam-Stil dehnt die langen, sehnsüchtigen Linien von Hardis Versen – die Musik unterstreicht die Einsamkeit des Derwischs und die triumphale Kraft seines Spiels.

6
Fazit

Eine Hymne auf die Würde des verkannten Künstlers: Der arme Flötenspieler wird zum Symbol für das kurdische Volk selbst – arm an materiellen Gütern, reich an geistiger Tiefe und künstlerischem Genie. Die Stimme einer einfachen Flöte kann mächtiger sein als die gesamte Musik der Welt, wenn sie aus einem Herzen kommt, das „das Nest der Nachtigall des Kummers“ ist.