Amān Sāqî (ئەمان ساقی) – Akhtar / Qadir Zirek

Ein tief emotionales Werk, das die klassische Poesie von Akhtar (Emin Agha Hewêzî, 1839–1888) mit der leidenschaftlichen Stimme von Qadir Zirek (1954–1981) verbindet. Ein Ghazal von Liebe, Trennung und spirituellem Verlangen – angerufen wird der Sāqî, der Schenke, der den „Wein der Liebe“ reicht. Die Hawar-Umschrift wurde von der Akademie ergänzt.

Amān SāqîQadir Zirek · Text: Akhtar
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DeutschSoranî
Strophe 1 · Der Ruf an den Schenken
Oh Schenke, hab Erbarmen! Das verzückte Herz ist traurig durch die Grausamkeit ihres Blicks.
ئەمان ساقی دڵی شەیدا لە جەوری دیدە غەمگینە
Eman saqî dilî şeyda le cewrî dîde xemgîne
Aus der Berauschung ihrer trunkenen Augen – fülle den Becher für mich und bring ihn her.
لە نەشئەی چاوەكەی مەستت پیاڵە پڕكە بۆمن بینە
Le neş’ey çawekey mestit piyale pirke bo min bîne
Mögen meine Sinne ihren schwarzen Augen geopfert sein; auch mein Verstand ist dahin.
فیدای چاوی سیاهت بووكە هۆشم بوو ئەویشم چوو
Fîday çawî siyahit bûke hoşim bû ewîşim çû
Vom Raubzug ihres Blickes wurde alles geplündert, sei es die Vernunft oder der Glaube.
بە تاراجی نیگاهت چوو ئەگەر عەقڵە و ئەگەر دینە
Be taracî nîgahit çû eger ’eqle w eger dîne
Strophe 2 · Trennung und Todeswunsch
Wegen der Trennung von ihrer zypressengleichen Gestalt bin ich wie eine Turteltaube, Tag und Nacht.
لە هیجری قامەتی سەرووت وەكو قومری بە ڕۆژ و شەو
Le hicrî qametî serût weku qumrî be roj u şew
Im Garten des Lebens ist mein ständiges Handwerk nur Seufzen und Klagen.
لە باغی زیندەگی پیشەم هەمیشە ئاه و ناڵینە
Le baxî zîndegî pîşem hemîşe ah u nalîne
Wenn dein Ziel mein Tod ist, so befiehl es, damit ich sterbe.
ئەگەر مەقسودەكەت مەرگی منە فەرماندە تا بمرم
Eger meqsûdeket mergî mine fermande ta bimrim
Ich verlange mein Leben nicht von dir zurück, meine Seele, doch warum all dieser Hass?
لە تۆم ڕوح چاو نییە ڕوحم لەبەرچی ئەم هەموو قینە
Le tom ruh çaw nîye ruhim leber çî em hemû qîne
Strophe 3 · Die Wunde der Liebe
Durch die Wunde der Liebe zu deinem Antlitz ist meine Leber* so sehr in Stücke gerissen.
بەداخی عەشقی ڕوخسارت وەهالەت لەت بووە جەرگم
Be daxî ’eşqî ruxsarit wehalet let bûe cergim
Wie eine rote Tulpe ist mein ganzer Körper von den blutigen Tränen meiner Augen gefärbt.
وەكو لالە هەموو گیانم بەخوێنی دیدە ڕەنگینە
Weku lale hemû gyanim be xwênî dîde rengîne
Solange die Seele noch im Körper weilt, ist es besser, nicht auf das Gerede der Rivalen zu hören.
لە گوێ قەولی ڕەقیبان چاكە نەگری تاكو ڕوح ماوە
Le gwê qewlî reqîban çake negrî taku ruh mawe
Zieh den Dorn der Trennung aus meiner Brust mit der Hand der Vereinigung.
لە سینەم خاری هیجرانت بە دەستی وەسڵت دەربینە
Le sînem xarî hicranit be destî weslit derbîne

* In der kurdischen und orientalischen Poesie gilt die Leber (cerg) als Sitz der tiefsten Gefühle und Schmerzen – ähnlich wie im Westen das Herz.

Kurzes Vokabular

KurdischUmschriftBedeutung
ساقیsaqîder Schenke – Weinausgießer, symbolischer Vermittler zum Göttlichen
ئەمانeman„Erbarmen!“ – flehentlicher Hilferuf
شەیداşeydaverliebt, verzückt, wahnsinnig vor Liebe
چاوی مەستçawî mesttrunkene Augen – so schön, dass sie ohne Wein berauschen
تاراجtaracRaubzug, Plünderung
سەروserwZypresse – Sinnbild der schlanken, stolzen Gestalt
قومریqumrîTurteltaube – der unaufhörlich klagende Liebende
هیجرانhicranTrennung, Getrenntsein
جەرگcergLeber – Sitz der tiefsten Gefühle und Schmerzen
لالەlaleTulpe – rot mit schwarzem Kern: das blutende, verbrannte Herz
ڕەقیبreqîbRivale, Nebenbuhler; die missgünstige Gesellschaft
وەسڵweslVereinigung der Liebenden (Gegenteil von hicran)
Zum Verständnis

Literarische Analyse

1
Die Figur des Sāqî

In der klassischen Poesie ist der Sāqî kein bloßer Kellner, sondern eine symbolische Figur – oft der Vermittler zwischen dem Liebenden und dem Göttlichen, der den „Wein der Liebe“ reicht, der den Verstand vergessen lässt. Das Lied beginnt mit einem Hilferuf (emān) an ihn.

2
Metaphern der Schönheit

Die Zypresse (serw) steht für die schlanke, stolze Gestalt; die trunkenen Augen (çawî mest) berauschen ohne Wein; die Tulpe (lale) symbolisiert mit ihrem Rot und schwarzen Kern das blutende, verbrannte Herz.

3
Die Rivalen (Reqîb)

In fast jedem klassischen kurdischen Liebesgedicht treten die „Rivalen“ auf: die Gesellschaft oder Missgünstige, die das Paar trennen oder den Ruf des Liebenden zerstören wollen. Akhtar bittet die Geliebte, deren Worte zu ignorieren.

4
Die Leber als Sitz des Schmerzes

„Meine Leber ist in Stücke gerissen“: In der orientalischen Dichtung ist die Leber (cerg) – nicht das Herz – der Ort, an dem der tiefste Liebesschmerz sitzt.

5
Akhtar – die sakrale Sprache

Akhtar (Emin Agha Hewêzî, 1839–1888) – ein „aristokratischer Rebell“ aus Koya – schrieb in einer sehr gehobenen, fast sakralen Sprache. Sein Ghazal verbindet irdisches Liebesverlangen mit spiritueller Sehnsucht; die Trennung von seiner Geliebten Rabî verlieh seiner Lyrik eine lebenslange Wunde.

6
Qadir Zirek – die kulturelle Brücke

Qadir Zirek singt das Lied meist im Stil eines Maqam. Er machte die Qualen der Trennung (hicran) körperlich spürbar und trug Akhtars gelehrte Texte mit der emotionalen Wucht der Volksmusik direkt in die Herzen der Menschen. Das Stück gilt als eines der anspruchsvollsten im Repertoire kurdischer Sänger.