Überblick
Jamal Nebez war einer der bedeutendsten kurdischen Intellektuellen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts – ein Universalgelehrter, der als Sprachwissenschaftler, Historiker, Schriftsteller, Übersetzer und politischer Theoretiker das kurdische Denken maßgeblich prägte. Er gilt als Pionier der Standardisierung der kurdischen Sprache und wichtiger Ideengeber des kurdischen Nationalismus.
Herkunft und Ausbildung
Jamal Nebez wurde am 1. Dezember 1933 in Slemani geboren. An der Universität Bagdad studierte er in den 1950er Jahren eine außergewöhnliche Fächerkombination: Islamisches Recht (Scharia) und Philosophie sowie Physik und Mathematik. Diese Verbindung von Geistes- und Naturwissenschaften prägte seinen analytischen, präzisen Schreibstil.
Berufsweg und Exil
Nach dem Studium arbeitete er als Lehrer in verschiedenen Städten des Irak (u. a. Kirkuk, Erbil, Bagdad). Anfang der 1960er Jahre zog er nach Europa: Er lebte in München, Augsburg und schließlich in Berlin, wo er an der Freien Universität in Islamwissenschaft, Iranistik und Publizistik promovierte. Den Großteil seines Lebens verbrachte er im deutschen Exil, von wo aus er unermüdlich für die kurdische Sache publizierte.
Wissenschaftliches und literarisches Erbe
Nebez war ein produktiver Autor mit über 80 Werken auf Kurdisch, Arabisch, Deutsch und Englisch. Als leidenschaftlicher Verfechter einer vereinheitlichten kurdischen Schriftsprache befürwortete er das lateinische Alphabet; sein Zimanî Yekgirtûy Kurdî (1979) ist ein Standardwerk der kurdischen Linguistik. Als Übersetzungspionier übertrug er bereits 1955 Shakespeares Der Sturm (Gerdaveke) und 1958 Gogols Der Mantel (Palto) direkt ins Kurdische. Als politischer Theoretiker war er Mitbegründer der Organisation KAJIK (1959) und entwickelte das Konzept eines „kurdischen Sozialismus“, das sich von marxistischen Modellen abgrenzte und die nationale Befreiung ins Zentrum stellte. Sein Roman Lalô Kerîm (1986) thematisiert das kurdische Leben und soziale Gefüge.
Tod und Vermächtnis
Jamal Nebez verstarb am 8. Dezember 2018 im Alter von 85 Jahren in Berlin; sein Leichnam wurde seinem Wunsch entsprechend nach Slemani überführt. Er hinterließ eine gewaltige Bibliothek an Wissen und bleibt als einer der schärfsten Denker Kurdistans in Erinnerung, der stets die Unabhängigkeit des kurdischen Geistes betonte. Weitere Werke: Wergeran Hunere (Übersetzen ist eine Kunst), KAJIK: Pêşxan û Paşxanekanî (2015), Rojanî Awareyîm le Swîs.
Einordnung und Zeitgenossen
Zeitlich gehört Jamal Nebez (1933 – 2018) in die Nachkriegszeit und Gegenwart (ab 1945), Region Başûr. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: Izedîn Mistefa Resûl, Kawus Qeftan, Ahmed Hardi (Ahmed Hasan Beg), Sherko Bekas (Şêrko Bêkes). Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.