Überblick
Harîq (bürgerlich Mela Salih) ist eine markante, eigenwillige Stimme der klassischen kurdischen Literatur; sein Künstlername „Harîq“ (arab./pers. „verbrannt, Großbrand“) steht für das Feuer der Liebe und der spirituellen Leidenschaft, das sein Werk durchzieht.
Leben und Ausbildung
Harîq wurde 1856 im Dorf Zîwiye in der Region Surdash nahe Silêmanî geboren; sein Vater Mela Nasrułła stammte aus Rojhelat (Ostkurdistan) und zog als Geistlicher nach Südkurdistan. Er durchlief die klassische Ausbildung eines Feqê in den berühmtesten Medresen seiner Zeit – u. a. in Silêmanî, Qaradaẍ und Byara – und beherrschte Kurdisch, Arabisch und Persisch fließend. Er schloss sich dem Naqşbendî-Sufi-Orden an und wurde Schüler von Şêx Burhan in der Mukriyan-Region (Mehabad). Trotz tiefer Religiosität galt er als rebellischer Geist: So heiratete er heimlich, obwohl dies für bestimmte Grade der derwischen Nachfolge untersagt war, was zu Spannungen mit seinem Meister führte.
Die Anekdote mit dem Bart
Ein berühmtes Ereignis zeigt zugleich die Grausamkeit der Machthaber und Harîqs Schlagfertigkeit: Nachdem er ein Schmähgedicht gegen einen Sohn der einflussreichen Şêx-Familie von Tawêłe verfasst hatte, ließ ein lokaler Adliger (Iʿzam-ul-Mulk) ihm zur Demütigung den Bart zwangsrasieren. Harîq klagte vor dem großen Qadi Ali in Mehabad; während der Prozess lief, sorgte eine andere Affäre für so viel Aufsehen, dass sein Fall in Vergessenheit geriet. Auf die Frage, was aus der Sache mit seinem Bart geworden sei, antwortete er sarkastisch: „Mein Bart ist in der ‚Sache‘ des armenischen Mädchens verloren gegangen!“
Werk und Stil
Harîq gilt als Nachfolger der großen Meister Nali und Mewlewî und beherrschte das klassische orientalische Metrum (Arûz) perfekt. Selbstbewusst kritisierte er sogar den „Gott der kurdischen Poesie“, Nali, der die (metaphorische) Liebe zu schönen Mädchen gepriesen hatte – Harîq hielt ihm entgegen, man solle allein nach der wahren, göttlichen Liebe streben. Sein Werk ist geprägt von tiefer Enttäuschung über die moralische Verfassung seiner Mitmenschen und einer sehnsuchtsvollen Suche nach Aufrichtigkeit.
Tod und Vermächtnis
Harîq verbrachte seine letzten Jahre als Imam in der „Moschee der Armen“ (Mizgeftî Hejaran) in Mehabad. Er starb 1909 und wurde auf dem Mela-Jami-Friedhof beigesetzt; sein Grab ist heute infolge der Stadtbebauung nicht mehr erhalten. Er bleibt als Dichter in Erinnerung, der die technische Perfektion der Baban-Schule mit der emotionalen Tiefe und dem sozialen Schmerz der Mukriyan-Region verband – ein Meister der Melancholie und der Einsamkeit des Intellektuellen.
„Beşî nasînî namerdî“ (Vom Erkennen der Niedertracht)
Harîq beklagt den Verlust von Anstand und Integrität in der Gesellschaft.
Antwort an Nali
Harîqs selbstbewusste Erwiderung auf Nalis Lob der weltlichen Liebe.
Einordnung und Zeitgenossen
Zeitlich gehört Harîq (1856 – 1909) in die Zeit des nationalen Erwachens (ca. 1850–1898), Region Başûr. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: Şêx Reza Talebanî, Mahwî (Mela Muhemmedê Balxî), Pîremêrd (Hacî Tofîq Beg), Hajî Qadirî Koyî. Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.