📜 Dichter · 1856–1909

Harîq (Mela Salih)

حەریق

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Überblick

Harîq (bürgerlich Mela Salih) ist eine markante, eigenwillige Stimme der klassischen kurdischen Literatur; sein Künstlername „Harîq“ (arab./pers. „verbrannt, Großbrand“) steht für das Feuer der Liebe und der spirituellen Leidenschaft, das sein Werk durchzieht.

Leben und Ausbildung

Harîq wurde 1856 im Dorf Zîwiye in der Region Surdash nahe Silêmanî geboren; sein Vater Mela Nasrułła stammte aus Rojhelat (Ostkurdistan) und zog als Geistlicher nach Südkurdistan. Er durchlief die klassische Ausbildung eines Feqê in den berühmtesten Medresen seiner Zeit – u. a. in Silêmanî, Qaradaẍ und Byara – und beherrschte Kurdisch, Arabisch und Persisch fließend. Er schloss sich dem Naqşbendî-Sufi-Orden an und wurde Schüler von Şêx Burhan in der Mukriyan-Region (Mehabad). Trotz tiefer Religiosität galt er als rebellischer Geist: So heiratete er heimlich, obwohl dies für bestimmte Grade der derwischen Nachfolge untersagt war, was zu Spannungen mit seinem Meister führte.

Die Anekdote mit dem Bart

Ein berühmtes Ereignis zeigt zugleich die Grausamkeit der Machthaber und Harîqs Schlagfertigkeit: Nachdem er ein Schmähgedicht gegen einen Sohn der einflussreichen Şêx-Familie von Tawêłe verfasst hatte, ließ ein lokaler Adliger (Iʿzam-ul-Mulk) ihm zur Demütigung den Bart zwangsrasieren. Harîq klagte vor dem großen Qadi Ali in Mehabad; während der Prozess lief, sorgte eine andere Affäre für so viel Aufsehen, dass sein Fall in Vergessenheit geriet. Auf die Frage, was aus der Sache mit seinem Bart geworden sei, antwortete er sarkastisch: „Mein Bart ist in der ‚Sache‘ des armenischen Mädchens verloren gegangen!“

Werk und Stil

Harîq gilt als Nachfolger der großen Meister Nali und Mewlewî und beherrschte das klassische orientalische Metrum (Arûz) perfekt. Selbstbewusst kritisierte er sogar den „Gott der kurdischen Poesie“, Nali, der die (metaphorische) Liebe zu schönen Mädchen gepriesen hatte – Harîq hielt ihm entgegen, man solle allein nach der wahren, göttlichen Liebe streben. Sein Werk ist geprägt von tiefer Enttäuschung über die moralische Verfassung seiner Mitmenschen und einer sehnsuchtsvollen Suche nach Aufrichtigkeit.

Tod und Vermächtnis

Harîq verbrachte seine letzten Jahre als Imam in der „Moschee der Armen“ (Mizgeftî Hejaran) in Mehabad. Er starb 1909 und wurde auf dem Mela-Jami-Friedhof beigesetzt; sein Grab ist heute infolge der Stadtbebauung nicht mehr erhalten. Er bleibt als Dichter in Erinnerung, der die technische Perfektion der Baban-Schule mit der emotionalen Tiefe und dem sozialen Schmerz der Mukriyan-Region verband – ein Meister der Melancholie und der Einsamkeit des Intellektuellen.

„Beşî nasînî namerdî“ (Vom Erkennen der Niedertracht)

Harîq beklagt den Verlust von Anstand und Integrität in der Gesellschaft.

Soranî (Umschrift) · Deutsch
Beşî nasînî namerdî le kesda merdî nabînim, le layêkî ke řû germî nebê dił serdî nabînim.
Soweit ich die Niedertracht der Menschen kenne, sehe ich in niemandem mehr wahre Größe; wo keine herzliche Wärme ist, finde ich nur noch kalte Seelen.
Çi řû sipîyek be řû sûrî le botey îmtîhan derçû, diro nakem be wecey řastî řû zerdî nabînim.
Wer ist schon mit reinem Gewissen und erhobenen Hauptes aus der Prüfung des Lebens hervorgegangen? Ich lüge nicht: Geht es um die nackte Wahrheit, sehe ich nur bleiche Gesichter vor Scham.
Le (Heřîq) derdî giran e derdî bê hawderdî ye, le hawderdî geřawm heyfê hîç hawderdê nabînim.
Das Leid von Harîq ist schwer – es ist das Leid der Einsamkeit; ich habe nach einem Gefährten gesucht, der meinen Schmerz teilt, doch ach – ich finde niemanden.

Antwort an Nali

Harîqs selbstbewusste Erwiderung auf Nalis Lob der weltlichen Liebe.

Soranî (Umschrift) · Deutsch
Zor heyf e eto Nalî, be ew pîriye mindałî
Es ist ein Jammer, Nali, dass du in deinem Alter so kindisch bist.
Be ew core le ʿîşq edwêy zîba kiç û dîba kuř
Wie kannst du so über die Liebe zu schönen Mädchen sprechen?
Bo ʿîşqî heqîqî bê, talib mebe îlla kuř
Geht es um die wahre, göttliche Liebe, sollte man nur nach dem Höchsten streben.

Einordnung und Zeitgenossen

Zeitlich gehört Harîq (1856 – 1909) in die Zeit des nationalen Erwachens (ca. 1850–1898), Region Başûr. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: Şêx Reza Talebanî, Mahwî (Mela Muhemmedê Balxî), Pîremêrd (Hacî Tofîq Beg), Hajî Qadirî Koyî. Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.