Überblick
Ehmedê Xanî (Aḥmad-e Ḫānī) war ein kurdischer Schriftsteller, Gelehrter und Dichter. Von einigen Autoren wird er als Begründer des kurdischen Nationalismus betrachtet.
Leben
Xanî wurde in der heutigen türkischen Provinz Hakkâri geboren und gehörte zum Stamm (Eşîret) der Xanî. Er genoss eine klassische Ausbildung an verschiedenen Medresen des Osmanischen Reiches, bereiste Kurdistan sowie Damaskus, Bagdad und Ägypten und lebte lange Zeit im kurdischen Fürstentum Botan. Nach seiner Ausbildung wirkte er unter anderem an der Medrese in Muradiye und in der Kanzlei (Dîwan) des Fürsten von Doğubeyazıt, Mîr Muhammed. Xanî sprach Kurdisch, Persisch und Arabisch. Er starb 1707 und wurde in einer Türbe nahe dem İshak-Pascha-Palast bei Doğubeyazıt beigesetzt.
Werk
Xanî schrieb mehrere kurdische Werke über den Islam. 1683 verfasste er mit Nûbihara Biçûkan ein Kinderwörterbuch in Reimform – die erste kurdische Fibel für Kinder; sie umfasst 950 arabische Begriffe mit ihrer kurdischen Bedeutung. Sein berühmtestes Werk ist die Verserzählung Mem û Zîn (1692), eine Liebesgeschichte mit 2655 Versen. Sie enthält zugleich eine Beschreibung der kurdischen Gesellschaft des 17. Jahrhunderts und beklagt das Fehlen eines eigenen kurdischen Königreichs, das die Kurden vor der Unterwerfung durch Türken und Iraner bewahrt hätte.
Bedeutung
Xanî wird bisweilen als Begründer des kurdischen Nationalismus oder als Protonationalist betrachtet. In den einleitenden Kapiteln von Mem û Zîn verzichtete er – anders als in der klassischen orientalischen Literatur üblich – darauf, die Herrscher seiner Zeit zu preisen. Stattdessen thematisierte er die Unterwerfung der Kurden und die Teilung Kurdistans zwischen Osmanen und Safawiden sowie das Fehlen eines unabhängigen kurdischen Staates unter einem kurdischen Monarchen. Ein solcher Staat, so Xanî, könnte auch den Fortbestand der kurdischen Sprache für Wissenschaft und Bildung sichern.
Aus dem Nationalepos „Mem û Zîn“ (1692)
Diese Verse gelten als das erste literarische Zeugnis, in dem die Sehnsucht nach kurdischer Einheit und Souveränität formuliert wurde.
Kurmancî
Ger dê hebûya me ittifaqek
Vêk ra bikira me inqiyadek
Rum û ʻEreb û ʻEcem temamî
Hemiyan ji me ra dikir xulamî
Tekmîl dikir me dîn û dewlet
Tehsîl dikir me ʻilm û hikmet
Temyîz dibûn ji hev meqalat
Mumtaz dibûn xwedankemalat
Deutsch
Hätten wir doch nur ein Bündnis der Einigkeit, würden wir gemeinsam einer Führung folgen, dann würden die Osmanen, die Araber und die Perser uns allesamt dienen und uns untertan sein. Wir brächten unseren Glauben und unseren Staat zur Vollendung, wir würden uns wahre Wissenschaft und Weisheit aneignen. Dann würden sich die klugen Worte und Schriften voneinander scheiden, und jene, die wahre Meisterschaft besitzen (xwedankemalat), würden ruhmvoll hervortreten.
Hintergrund & Bedeutung
- Ittifaq (Einigkeit): Xanî beklagt, dass die Kurden seiner Zeit zwischen dem Osmanischen Reich (Rûm) und dem Safawidischen Reich (Ecem) aufgeteilt waren. Er sieht die Uneinigkeit als Grund für die Unterdrückung.
- Dîn û Dewlet (Religion und Staat): Er verbindet den geistigen Fortschritt untrennbar mit politischer Unabhängigkeit. Ohne eigenen Staat bleiben Wissen und Kultur eines Volkes im Schatten anderer.
- Wissenschaft und Weisheit: Ohne politische Macht fänden kurdische Sprache und Literatur nicht die verdiente Anerkennung. Xanî wollte, dass kurdische Gelehrte und Dichter (xwedankemalat) sich vor der Welt beweisen können.
Einordnung und Zeitgenossen
Zeitlich gehört Ehmedê Xanî (1650 – 1707) in die klassische Dichtung (1543–1707), Region Bakur. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: Mela Mustafa Besarani, Xanay Qubadî. Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.