Überblick
Seyid ʿEbdussemîʿ kurî Seyid Sulêman war ein bedeutender kurdischer Gelehrter und religiöser Dichter des 19. Jahrhunderts aus der berühmten Berzincî-Familie, die über Jahrhunderte das geistige Leben Süd- und Ostkurdistans prägte.
Herkunft und Ausbildung
Seyid ʿEbdussemîʿ wurde 1848 im Dorf Waje (Region Siwayl, Südkurdistan) geboren; seine Ahnenreihe führt direkt auf die großen Heiligen der Berzincî-Sadat zurück, darunter Baba Rasoul-i Gewre. Wie in seiner Familie üblich durchlief er eine fundierte Ausbildung in den kurdischen Hujras (Religionsschulen) und war als tiefgläubiger Gelehrter bekannt, der sein Leben dem Lehren und dem Dienst an der Gemeinschaft widmete.
Wirken als Lehrer und Imam
Nach seinem Studium zog er in die Region Bane (heute im iranischen Teil Kurdistans) und lehrte in Dörfern wie Hamzełan und Enjena Ibrahim. Er war nicht nur geistlicher Führer, sondern auch ein Lehrer, der religiöses Wissen bewusst in der Muttersprache Kurdisch verbreitete, um es dem einfachen Volk zugänglich zu machen.
Das Hauptwerk: die kurdische „ʿEqîde“
Sein bleibendes Vermächtnis ist das Werk „ʿEqîde“ (Der Glaube) – eine theologische Abhandlung über die Grundlagen des islamischen Glaubens, verfasst in Sorani-Kurdisch und in Gedichtform. Als Lehrbuch für Kinder und Anfänger gedacht, erleichterte die Reimform das Auswendiglernen der komplexen Glaubenssätze. Das Werk wurde vom damals mächtigsten geistigen Oberhaupt Kurdistans, Hajî Kaka Ahmedê Şêx aus Silêmanî, geprüft und hochgelobt. Es beginnt traditionell mit dem Lob Gottes – „Ewel îbtîda be îsmî Ełła / Pes hemd û sena elhemdulîlla“ („Zuerst der Beginn mit dem Namen Allahs / Dann Lob und Preis: Alhamdulillah“) – und endet mit einer demütigen Bitte um Gebete für seine Seele: „Semîʿê gunehkar îlteca eka / Bo Fatîhayek ew reca eka“ („Der sündige Samîʿ fleht euch an / Um eine Fatiha bittet er euch“).
Pilgerfahrt und Tod
1889 finanzierte Yunis Khan, der Gouverneur von Bane, dem Gelehrten die Pilgerreise nach Mekka. Auf dem Rückweg vom Hajj erkrankte Seyid ʿEbdussemîʿ in der Stadt Bahra nahe Jeddah an der Cholera und verstarb dort im Alter von nur 41 Jahren.
Bedeutung heute
Seine „ʿEqîde“ ist bis heute fester Bestandteil des traditionellen Lehrplans in den kurdischen Medresen und wurde dutzende Male in Silêmanî und Hewlêr (Erbil) nachgedruckt. ʿEbdussemîʿ gilt als Beispiel für die kurdische Gelehrsamkeit des 19. Jahrhunderts, die hohe Theologie mit der kurdischen Muttersprache zu vereinen suchte. Er hinterließ vier Kinder; seine Manuskripte werden bis heute in privaten Bibliotheken kurdischer Gelehrter als wertvolles Erbe bewahrt.
Einordnung und Zeitgenossen
Zeitlich gehört Seyid ʿEbdussemîʿê Berzincî (1848 – 1889) in die Zeit der Babani-Schule und der Sorani-Klassik (ca. 1800–1850), Region Başûr. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: Hajî Qadirî Koyî, Feqê Qadrî Hemewend (Abdulkadir), Şêx Reza Talebanî, Jafayî (Mela Elî). Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.