Überblick
Aciz (kurdisch für „der Betrübte“ oder „der Hilflose“), mit bürgerlichem Namen Ebdullah Mihemmed Husênî, war ein bedeutender kurdischer Religionsgelehrter und Lyriker des 20. Jahrhunderts. Trotz seines kurzen Lebens hinterließ er ein tiefgreifendes literarisches Erbe zwischen klassischer Liebeslyrik und religiöser Hingabe.
Herkunft und Ausbildung
Aciz wurde 1929 im Dorf Cil Hewêze in der Region Kendênawa (Bezirk Maxmûr) geboren. Sein Bildungsweg entsprach der klassischen Tradition kurdischer Geistlicher: Als Feqê wanderte er durch verschiedene Regionen Kurdistans, insbesondere die Xoşnawetî-Gegend (Dörfer wie Zîxan und Zêwe). In Rawanduz und Erbil vertiefte er seine Studien und erhielt in der Hajî-Qadirî-Debax-Moschee in Erbil seine offizielle Lehrbefugnis (Ijazah).
Beruflicher Weg und Wirken
Aciz wirkte als Imam und Prediger in zahlreichen kurdischen Gemeinden, darunter Hermek, Deraş und Gomeşîn; seine Stationen führten über Xurmal und Çemçemal zurück nach Erbil. Dort arbeitete er als Lehrer an der Evqaf-Schule (Religiöse Stiftungen) und diente als angesehener Vorbeter und Prediger in der Hajî-Bekir-Moschee.
Literarisches Schaffen
Obwohl sein Leben mit nur 38 Jahren endete, verfasste Aciz eine Vielzahl von Werken. In seinen Ghaselen (wie „Şôxekey bê rehm“) nutzt er die klassische Metaphorik der kurdischen Poesie (Şêx Sanʿan, Nachtigall, Rose), um Trennungsschmerz und Sehnsucht auszudrücken. Berühmt sind seine tiefgründigen religiösen Gedichte (Naʿt) zum Lobpreis des Propheten Mohammed: Sein langes Gedicht Ey Seyîdî Serdarî min, verfasst während der Pilgerreise nach Mekka, wird bis heute von Sängern und religiösen Gruppen als Hymne rezitiert. Daneben hinterließ er über zehn größtenteils unveröffentlichte Manuskripte zu religiösen und sprachlichen Themen. Eine Kostprobe seiner Liebeslyrik: „Du mitleidlose Schöne, Mörderin meiner Seele, komm! / Du Grund für das Verirren meines Geistes, o Şêx Sanʿan meiner Tage, komm! / Mein Herz wartet stets auf deine Huld und Gabe, / ich bin erkrankt an deiner Gestalt, mit tränenden Augen, komm!“
Tod und Vermächtnis
Im Frühjahr 1967 erkrankte Aciz schwer; trotz medizinischer Bemühungen in Erbil und Mossul verstarb er am 2. Mai 1967 in Mossul. Sein Leichnam wurde nach Erbil überführt und nahe seiner Moschee beigesetzt. Sein erster Dîwan erschien in den 1980er Jahren, eine zweite Auflage 2017.
Einordnung und Zeitgenossen
Zeitlich gehört Aciz (1929 – 1967) in die Nachkriegszeit und Gegenwart (ab 1945), Region Başûr. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: ʿEbdulrehman Begî Baban („Babe“), Shaho (Mela Hesen), Mela Husên Fanî, Mela Mustafa ʿAsî. Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.