📜 Dichter · 1750–1820

Turkemir Azadbaxt

تورکەمیر

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Überblick

Turkemir Azadbaxt gilt als der bedeutendste klassische Dichter des Lakî-Dialekts – eine Brücke zwischen der hohen Literaturtradition der Gorani-Schule und der Kultur der Lakî-sprachigen Kurden Lorestans.

Sprachliche und ethnische Identität

Turkemir lebte in einer Zeit, in der Persisch die Sprache der Höfe und Arabisch die Sprache der Religion war. Trotz seines Namens (der oft türkisch klingt) war er stolz auf seine kurdische Identität. Mit „geringer Bildung“ meint er in seinem berühmten Vers eine poetische Bescheidenheit (Tawadu), wie sie für Sufi-Dichter typisch ist – tatsächlich beherrschte er die komplexe Metrik und Philosophie seiner Zeit perfekt.

Literarische Einordnung (Gorani-Schule)

Obwohl er Lakî sprach, schrieb er in der Tradition der Gorani-Schule: im kurdischen silbenzählenden Metrum (meist 10 Silben, 5+5) statt im arabischen Arûz, vorwiegend in Masnavîs (Reimpaaren). Seine Sprache mischt das literarische Gorani/Hewrami – damals die Standard-Literatursprache Südkurdistans und Lorestans – mit seinem heimischen Lakî. Er gilt als derjenige, der den Lakî-Dialekt in den Rang einer Schriftsprache erhob.

Sein Meisterwerk: „Banay Kwana“ (Das alte Bauwerk)

Sein bekanntestes und längstes Gedicht ist „Banay Kwana“, eine tiefgründige, existenzielle Reflexion über die Vergänglichkeit der Welt, das Alter des Universums im Vergleich zum kurzen Menschenleben und die Ungerechtigkeit und das Leid der Welt. Turkemir stellt Fragen an die Welt (das „alte Bauwerk“), warum sie so viele Könige und Helden kommen und gehen sah, ohne je Beständigkeit zu bieten – in seiner Tiefe erinnert es an Omar Khayyam.

Religiöse und mystische Einflüsse

Turkemir war tief im Sufismus verwurzelt; viele seiner Gedichte sind allegorisch – die Suche nach menschlicher Liebe ist oft eine Maske für die Sehnsucht nach der göttlichen Wahrheit. Es gibt Hinweise, dass er von der Philosophie der Yarsan (Ahl-e Haqq) beeinflusst war, die in der Lakî- und Gorani-Region verbreitet ist.

Regionaler Hintergrund

Er stammte aus dem Stamm der Azadbaxt in der Region Delfan (Provinz Lorestan) und war fest in der Geografie des Zagros-Gebirges verwurzelt. Seine Naturlyrik beschreibt die Berge, Quellen und Landschaften Lorestans mit einer Detailgenauigkeit, die seine tiefe Heimatverbundenheit zeigt.

Warum er heute wichtig ist

Für die Lakî-Kurden ist Turkemir eine nationale Ikone: Er bewahrte die kulturelle Eigenständigkeit seiner Region in einer Ära des Umbruchs (Übergang von der Zand- zur Kadscharen-Dynastie). Seine Gedichte wurden über Generationen auswendig gelernt und von Sängern (Lôtî oder Dengbêj) vorgetragen; erst in den letzten Jahrzehnten wurden seine Handschriften systematisch gesammelt und ediert. Er war der „Hafis von Lorestan“ und gab dem Lakî-Kurdischen eine literarische Stimme.

Bekenntnis zur Identität

Turkemirs berühmteste Identitätserklärung – vollständiges Gedicht unten.

Kurdî (Lakî) · Deutsch
Turkemîr ne Turk, ne ʿErew-lefzim,
Turkemir ist weder Türke, noch spricht er Arabisch –
Kurd-î kem-sewad, hafiz-el-hefzim.
ich bin ein Kurde von geringer Bildung, doch ich bewahre das Wort (im Gedächtnis).

Ya Řeb baz we ḧeq yaran yek řeng (O Herr, um der aufrichtigen Gefährten willen)

Munajat – das vertrauliche Gebet angesichts des Todes; vollständiger Text mit dem berühmten Identitätsbekenntnis in Vers 12.

Kurdî (Lakî) · Deutsch
یا ڕەب باز وە حەق یاران یەک ڕەنگ
O Herr, [hilf mir] wiederum um der aufrichtigen und treuen Gefährten willen,
وەقتێ عزراییل گیان لێم مەکێ تەنگ
wenn Azrael kommt, um meine Seele mit Macht zu fordern.
نەفەس تەنگ مەیوو وە چاڵ تینیم
Wenn der Atem in der Grube meiner Kehle eng wird,
ڕووی مەنتق نە چای تەنگنای بینیم
und die Vernunft im Abgrund der Bedrängnis meine Sicht vernebelt.
وەقتێ سەکەرات مەرگم ها نە کار
Wenn die Agonie meines Todes beginnt,
ماچان گیان کەنن تەڵخە وە ئیجبار
und man sagt, dass das Scheiden der Seele schmerzhaft und erzwungen sei.
تەڵخی سەکەرات، هەم وشار گووڕ
Die Bitterkeit des Todeskampfes und die Last des Grabes,
تەنگی، تاریکی، خەمووشیی قوبوور
die Enge, die Finsternis und das Schweigen der Gruft.
هووڵ قیامەت، نەفخەی بانگ سوور
Das Grauen des Jüngsten Gerichts, der Schall der Posaune;
ڕووژ وا نەفسا، لە یەومەلنوشوور
an jenem Tag, an dem jeder nur an sich selbst denkt (Tag der Auferstehung).
سواڵ و جواو نەکەرن چەنەم
Halte nicht streng Gericht mit mir, stelle mir keine schweren Fragen,
فەیزێ ژە فەزلەت ئیحسان کەر وەنە
erweise mir Gnade aus Deiner unendlichen Güte.
ئاسان کەر عەزاو یەک شەوەی قەورم
Erleichtere mir die Qual der ersten Nacht in meinem Grab,
مونکەر پەی سواڵ بکەری سەورم
und lass den Engel „Munkar“ bei der Befragung geduldig mit mir sein.
نەکیر نەکەری نوکتە گیری لێم
Lass den Engel „Nakir“ nicht kleinlich mit mir sein,
وە حەرف ئەعراب تەشخیس نەدەی پێم
und richte mich nicht nach meinen Fehlern in der Sprache oder der Grammatik.
ڕەدنویس ڕەد بوو ژە ئینتقامم
Möge der Schreiber der Taten von seiner Vergeltung absehen,
ماڵک دووزەخ فەرمووش کێ نامم
und möge der Wächter der Hölle meinen Namen einfach vergessen.
پاکا وە حورمەت خاک پای پاکان
Um der Ehre des Staubes unter den Füßen der Reinen willen,
خاک پای پاکان ئەولیای خاکان
jener Heiligen, die der Staub unter den Füßen der Gerechten dieser Erde sind.
شاللە شەرارەی دووزەخ نەوینم
So Gott will, möge ich die Funken der Hölle niemals erblicken,
ڕەهڕەو بوو بەهەشت بەیوو وە بینم
sondern ein Wanderer des Paradieses sein, das mir entgegenkommt.
تورکەمیر نە تورک و نە عەرەولەفزم
Turkemîr ist weder ein Türke, noch spricht er die arabische Sprache,
کورد کەم سەواد حافزەلحەفزم
ein einfacher Kurde bin ich, der nur das wiedergibt, was er auswendig gelernt hat.
ژە جەور ئافات زەمانە مەحوم
Gezeichnet von den Plagen der Zeit bin ich wie ausgelöscht (mehw),
هەم خەت ناقابڵ هەم سوخەن سەهوم
meine Handschrift ist unwürdig und meine Rede voller Irrtümer.
یە ئیستدعامەن هەر کەس بخوانوو
Dies ist meine Bitte an jeden, der diese Zeilen liest:
پەس سەهو و خەتام ژە وێش نەڕانوو
Stoße meine Fehler und Verirrungen nicht von dir (verurteile mich nicht).
هەر کەس بخوانوو نەقسێ ژە فەردم
Wer auch immer einen Mangel in meinen Versen findet:
سەهو و خەتا وەم نەکەرن مەردم
o ihr Menschen, rechnet mir meine Fehler und Schwächen nicht an.

Literarische Analyse

Die Gattung Munajat: Ein Zwiegespräch zwischen dem sündigen Menschen und dem barmherzigen Gott. Turkemîr beschreibt den Tod nicht abstrakt, sondern als physischen Prozess („Atemnot in der Kehle“) – das verleiht dem Gedicht eine beklemmende Realität.

„Ich bin ein Kurde“: Historisch bedeutsam ist Vers 12: Obwohl sein Name „Turkemîr“ (wörtlich „türkischer Emir“) lautet, stellt er unmissverständlich klar, weder Türke noch arabischsprachig zu sein – ein frühes, klares Zeugnis kurdischen Selbstbewusstseins des 18./19. Jahrhunderts in der Region Lorestan/Lakistan.

Grammatik als Hürde: Berührend ist die Bitte, im Jenseits nicht nach den Regeln des Arabischen (ʿerab) gerichtet zu werden – der Sakral- und Gelehrtensprache. Der Dichter bittet um eine Bewertung des Herzens, nicht der Grammatik.

Eschatologie: Azrael, Munkar und Nakir, der Posaunenschall – die islamische Eschatologie liefert die Bildwelt; die „Enge“ und „Dunkelheit“ des Grabes kontrastieren mit dem erhofften Licht des Paradieses.

Bescheidenheits-Topos: Am Ende nennt er sich kem sewad (wenig gebildet), seine Schrift naqabił (unwürdig) – ein klassischer Topos, der die göttliche Größe hervorhebt und die Nachsicht der Leser gewinnt.

Einordnung und Zeitgenossen

Zeitlich gehört Turkemir Azadbaxt (1750 – 1820) in die Blütezeit der Gorani-Tradition (18. Jahrhundert), Region Rojhelat. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: Seyidî Hewramî (Mela Seyid Muhemmed Silêman), Ahmed Begê Komasî (Xaloy Komasî), Şêx Marifî Nodê, Mewlana Xalidê Kurdî. Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.