Überblick
Mestûre Erdelan (bürgerlich Mah Şeref Xanim) ist eine der außergewöhnlichsten Frauenfiguren der Geschichte des Orients: eine begnadete Dichterin und zugleich die erste weibliche Historikerin des Nahen Ostens.
Herkunft und außergewöhnliche Bildung
Mestûre wurde in Sine (Sanandaj), der Hauptstadt des kurdischen Erdelan-Fürstentums, in die wohlhabende und einflussreiche Familie der Qadirî geboren. In einer Zeit, in der Bildung für Frauen fast unerreichbar war, genoss sie eine erstklassige Ausbildung – ihr Vater Abulhasan Beg erkannte ihr Talent früh und förderte sie. Sie beherrschte Kurdisch (Hewramî und Sorani), Persisch und Arabisch fließend; schon mit sechs Jahren nahm ihr Großvater sie mit in die Große Moschee von Sine, wo sie neben den männlichen Schülern (Feqîs) lernte.
Die Ehe mit Xusrew Xan
Ihr Leben war eng mit dem Herrscher von Erdelan, Xusrew Xan, verknüpft. Die zunächst durch politischen Druck erzwungene Ehe entwickelte sich zu einer tiefen intellektuellen Partnerschaft: Beide waren Dichter und tauschten sich in ihren Werken aus; Xusrew Xan schätzte ihren Rat und ihr Wissen sehr. Nach nur wenigen Ehejahren starb er 1834 an einer Lebererkrankung, was Mestûre in tiefe Trauer stürzte.
Die Historikerin: ein Geniestreich
Ihr bedeutendstes Werk ist die auf Persisch verfasste „Geschichte der Erdelan“ (Tarîxî Erdelan). Damit brach sie alle Konventionen ihrer Zeit – zum ersten Mal dokumentierte eine Frau im Orient die Geschichte einer herrschenden Dynastie und beschrieb die politischen Kämpfe, die Kultur und das soziale Leben ihres Fürstentums mit großer Präzision. Zudem verfasste sie mit „Eqayîdî Mestûre“ eine Abhandlung über die islamische Lehre – ebenfalls ein Novum für eine Frau ihrer Zeit.
Die Dichterin: Schönheit und Melancholie
Mestûre war eine Meisterin der Ghaselen. Ein Großteil ihres Werks (man schätzt bis zu 20.000 Verse) ging in den Kriegen verloren; die erhaltenen rund 2.000 Verse zeugen von ihrer sprachlichen Eleganz und davon, dass sie den damals noch jungen Sorani-Dialekt bereits perfekt literarisch beherrschte.
Exil und Tod in Silêmanî
Nach dem Zusammenbruch des Erdelan-Fürstentums musste Mestûre ihre geliebte Stadt Sine verlassen und fand Zuflucht beim benachbarten Baban-Fürstentum in Silêmanî, wo die intellektuelle Elite sie mit größtem Respekt empfing. Sie starb jedoch schon 1848 im Alter von nur 44 Jahren; ihr Grab befindet sich auf dem berühmten Friedhof Girdî Seywan in Silêmanî.
Vermächtnis
Mestûre Erdelan ist heute ein Symbol für die kurdische Frau als Intellektuelle. In Sine steht eine große Statue zu ihren Ehren, ihr Haus ist heute ein Museum und kulturelles Zentrum. Für Kurden weltweit ist sie die „Mutter der kurdischen Literatur“ und ein Beweis dafür, dass kurdische Frauen schon vor 200 Jahren eine führende Rolle in Wissenschaft und Kunst einnahmen.
Ghazel: Gefangen in deinen Augen
Die klassische Bildsprache der orientalischen Liebeslyrik – meisterhaft im damals noch jungen Sorani.
Einordnung und Zeitgenossen
Zeitlich gehört Mestûre Erdelan (1804 – 1848) in die Zeit der Babani-Schule und der Sorani-Klassik (ca. 1800–1850), Region Rojhelat. Zeitgenossen im Datensatz der Akademie: Seyidî Hewramî (Mela Seyid Muhemmed Silêman), Ahmed Begê Komasî (Xaloy Komasî), Sey Yaqô (Seyid Yequbê Mayeştî), Nali (Mela Xider). Einen Überblick über die Strömungen gibt die Seite Epochen & Schulen.